Dass Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen neue EU-Kommissionspräsidentin werden soll, ist erst einmal nur eine Nachricht; eine besondere zwar, weil niemand damit gerechnet hat, doch unterscheidet sie sich ansonsten eher weniger von anderen Neuigkeiten, über die meine Kollegen in der Redaktion in den vergangen Tagen berichte haben. Und doch: Wenn sieben Leser innerhalb von weniger als eine Stunde sich bei mir melden, um mir ihre Meinung dazu mitzuteilen, dann kann zumindest ich zu dieser Nachricht etwas sagen, nämlich dies: Eine faustdicke Überraschung, die bei vielen offenbar vor allem Emotionen der Kategorie "Ärger und Frust" freisetzt. Aber weil ich nicht mal ansatzweise hier alles wiedergeben kann, was die Leute mir gesagt haben, habe ich mich für diesen Kompromiss entschieden: Aus jeder Meinung wähle ich einen zentralen Satz aus, der stellvertretend die Haltung auf den Punkt bringt. Los geht's:

"Lieber um ihre sieben Kinder kümmern", meinte beispielsweise ein Leser, während ein anderer Anrufer feststellte, dass "Politiker offenbar umso höher fallen, je mehr Fehler sie in der Vergangenheit gemacht haben. Ein Mann wählte den Weg und sprach die CDU-Frau direkt an: "Frau von der Leyen, Ihre Empfehlung könnte nicht besser sein. Ein Sinnbild für die Zukunft der EU: Gorch fock." (Die offenbar versteckte Ironie hat sich mir dabei aber nicht vollständig erschlossen.) Einen anderen Leser möchte ich so zitieren: "Hinterzimmermauschelei und Geschacher, wie sie jedem Krämer zur Ehre gereichen würden." Das Fazit seiner Ausführungen brachte ein Anrufer so auf den Punkt: "Das halte ich am Kopf nicht aus." Etwas mehr Mühe bei der Wortwahl ihrer Kritik gab sich diese Leserin: "Meine Achtung gegenüber der Europäischen Union sinkt damit auf den Nullpunkt." Abschließend noch dieses Zitat, denn manchmal nehme ich mir die Freiheit, mit den Leuten in der Leitung eben nicht über eine Nachricht diskutieren zu wollen und meine Meinung für mich zu behalten: "Verbinden Sie mich doch mal mit jemanden, der mehr (...) in der (...) hat." 

Von den vier weiteren Gesprächen, die ich heute mit Lesern zwischen zehn und zwölf geführt habe, erfüllen zwei die Kriterien, um hier erwähnt zu werden. In dem ersten ging es darum: "Ich habe heute einen Bescheid vom Steueramt bekommen und soll fünf Euro Mahngebühr bezahlen." Das vermeintlich Thema für die Zeitung: "Das ist doch Wucher, das gehört verboten. Bei der zweiten Unterhaltung hatte ich viel Verständnis für das Anliegen des Anrufers, wirklich helfen aber konnte ihm nicht, denn mir wollte so schnell auch keine Lösung für dieses Problem einfallen: "Immer nur Nachrichten in der Zeitung, die den Menschen Angst machen, können Sie nicht mal dafür sorgen, dass Ihre Zeitung den Leuten mehr Mut zuspricht, ohne alles gleich rosarot anzumalen? " Balsam für meine Seele gab es dann allerdings auch noch, ein Leser meinte: "Ich habe mit Freude das heutige Leserforum gelesen und unterstütze jeden einzelnen Artikel. Das ist die wahre und zwar richtige Einschätzung der gegenwärtigen Lage." 

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