Bei meinem wöchentlichen Rückblick auf die kleinen, aber nicht weniger aufschlussreichen Randnotizen in den Protokollen meiner Gespräche mit Lesern zwischen zehn und zwölf geht es heute um ein vermeintlich lustiges Foto, die Karriere eines Berufspolitikers, das Schlachten von Tieren und die Konsequenz, mit der man leben muss, wenn man sich über eine Meinung ärgert, seine eigene lieber für sich behält und nicht in der Zeitung lesen will.

Episode 1: Dass ich Fotos erhalte (aus Papier, nicht per Mail als Dateianhang), von denen Leser meinen, dass sie durchaus einmal in der Zeitung veröffentlicht werden könnten (aus welchen Gründen auch immer), ist bei weitem keine Seltenheit. Manchmal sollen die Bilder komisch oder besonders schön sein, manchmal einen außergewöhnlichen Informationsgehalt haben oder eine nicht alltägliche Botschaft transportieren. Heute habe ich wieder mal solch ein Foto erhalten. Ein Leser hatte es genau vor sechs Jahren geschossen, und es zeigt ein großes Hinweisschild (rote Schrift auf weißem Grund). Der Text lautet: "Danke Tegel. Am 2. Juni 2012 schließt der Flughafen Tegel. Am dem 3. Juni 2012 gibt es nur noch einen Flughafen: den Flughafen Berlin Brandenburg." Nun muss ich nur noch den tieferen Sinn ergründen, warum ich dieses Foto erhalten habe.

Episode 2: Zu dem Interview "Bundesbeauftragter: Auf den Osten wird anders geschaut habe ich eine Reihe von Leserzuschriften erhalten (siehe auch aktuelle Seite "Leserforum), während einige Anrufer sich bei mir nur gemeldet haben, um ihre Meinung zu der Person Christian Hirte loszuwerden. Diesen Hinweis eines Lesers fand ich bemerkenswert: "Hirte ist mit 16 Jahren in die CDU beziehungsweise in die Junge Union eingetreten und hat nach dem Abitur dann Jura studiert, nur mit dem einen Ziel: Er wollte Berufspolitiker werden." Weil ich nicht wusste, was er damit zum Ausdruck bringen wollte, habe ich dem möglichen Hintergrund gefragt und diese Antwort erhalten: "Ist doch klar: Er wollte so schnell wie möglich Abgeordneter werden und schon früh dafür sorgen, dass er sich um seine Altersvorsoge keine Gedanken machen muss." Nun war mir immer noch nicht klar, was der Mann in der Leitung damit auf den Punkt bringen wollte, aber er hat es mir dann verraten: "So einem Mann kann man doch nicht einmal ansatzweise über den Weg trauen." Meine Gegenfrage hat dann das baldige Ende der Unterhaltung eingeleitet; ich wollte wissen: "Und warum nicht?"

Episode 3: Auch bei dieser Unterhaltung war das Ende eingeläutet, nachdem ich der Frau in der Leitung eine Frage gestellt hatte. Angerufen hatte sie mich, nachdem sie die Nachricht "Rituelle Schlachtung nur im Schlachthof" in der Zeitung gelesen hatte; sie meinte: "Wir haben das Jahr 2018 und leben nicht mehr im Mittelalter, und doch müssen Tiere großes Leid ertragen, weil irgendwelche archaischen Religionen die von den Gläubigen verlangen. Und das kann man doch nicht einfach so hinnehmen." Darüber hinaus meinte sie noch, dass die Tierschützer, die gegen Wildtiere in Zirkusarenen protestieren, hier doch viel lauter aufschreien müssten." Meine Frage an die Leserin: "Sind Sie Vegetarierin?" Nein, sei sie nicht, aber über die Konsequenz dieser Tatsache wollte sie nicht mehr mit reden.

Episode 4: Zu dem Leitartikel "Irinnen holen sich Kontrolle zurück", in dem es um die Lockerung des Abtreibungsrechts in Irland nach einem Referendum ging, haben mich vier Leser angerufen, weil sie mir ihre Meinung dazu mitteilen wollten; alle waren ebenso konsequente wie kompromisslose Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen; ich habe ihnen zugehört und ausreden lassen, anschließend aber darauf hingewiesen, dass ich meine persönliche Haltung in dieser Sache für mich behalten möchte. Das haben sie akzeptiert. Aber: "Der Leitartikel ist viel zu einseitig und viel zu scharf formuliert und geht auf die Argumente der anderen Seite überhaupt nicht ein", meinte eine Leserin. Also habe ich ihr erklärt, dass es sich um ein Kommentar handelt und genau dies sein Ziel sei, die persönliche Meinung des Autoren wiederzugeben und in diesem Sinn klar Stellung zu beziehen. "Dann ist das nicht mehr meine Zeitung, wenn Sie so jemanden zu Wort kommen lassen", sagte die Frau in der Leitung. "Aber Sie haben doch die Möglichkeit, dem Leitartikel etwas entgegenzusetzen und ihre Überzeugung in einem Leserbrief in der Zeitung wiederzufinden", erwiderte ich und erklärte weiterhin, dass dieser Diskurs doch wertvoll sei, weil er die Möglichkeit biete, dass sich viele Menschen dann eher noch eine eigene Meinung bilden können. Dann kam, was kommen musste: "Aber dann steht mein Name in der Zeitung, und gerade bei diesem Thema will ich das nicht." Dem konnte ich dann nichts entgegensetzen, meine Gedanken dazu aber habe ich für mich behalten. Aber es kam mir in den Sinn, wie sich die Leute fühlen müssen, wenn sie Angst vor der eigenen Courage haben; schön ist das bestimmt nicht.

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