Behördenpost

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Auf Platz zwei der lästigsten Dinge im Leben eines Erwachsenen steht der Moment, in dem man Behördenpost aus dem Briefkasten holt. Die Umschläge sind meistens öko und haben ein Fensterchen.

Und dann das Briefpapier. Welcher Glaubensgemeinschaft muss man beitreten, um dieses professionelle Briefefalten zu lernen? Schon die Schriftart von Behördenpost wirkt wie der böse Cruciatus-Fluch von Lord Voldemort. Bei längerem Einsatz kann dieser Fluch seine Opfer in den Wahnsinn treiben. Auf Platz eins der lästigsten Dinge im Leben eines Erwachsenen hat es die Tätigkeit geschafft, diese Briefe auszufüllen. Meistens bestehen sie aus einem Lückentext und sehr vielen sehr schwierigen Fragen. Manche davon sehr sinnlos. Ich spüre dann sofort den Impuls, meinen Antworten einen Brief beizulegen, auf dem ich sinnlose Fragen zurückschreibe. Diese zum Beispiel: Warum verschicken Sie Rundschreiben in eckigen Umschlägen? Welche Strafe kriegt man für einen Wintereinbruch? Und sind nymphomane Hündinnen zwangsläufig?

Obwohl ich wahrscheinlich noch mehr Arbeitsjahre schrubben muss, als ich jemals Pension beziehen werde, habe ich nun Post von der Rentenkasse bekommen. Weil man meine Daten aktualisieren müsse. Jedenfalls wäre das hier meine erste Frage, die ich den Fragebogen-Autoren der Rentenkasse stellen würde: Wäre es okay, wenn ich mich dann im Ruhestand nachts ab und zu hinlege?

 

Ich saß am Esstisch und brütete über diesem Brief wie ein Abiturient über der Matheklausur, während Kind 1 neben mir im Internet blätterte und Titanic-Untergangsgeschichten las: "Mama, die haben den Eisberg nicht gesehen, weil sich der Mond im Wasser gespiegelt hat." Ich bat Kind 1, mir seine Erkenntnisse später mitzuteilen, da ich mich konzentrieren müsse. Zum Beispiel hing ich an der Frage fest, ob der andere Elternteil die Kinder überwiegend erzogen habe. "Mama, die hatten auf der Titanic zu wenige Rettungsboote, weil sie die hässlich fanden." "Psst!" Ja, überwiegend hat der andere Elternteil die Kinder erzogen. Er versucht es, wir beide versuchen es, und zwar andauernd. Wir erziehen um, wir verziehen. Und nun macht das Kind was ihm einfällt und erzählt trotzdem weiter: "Ein kleiner Kreuzer ist einfach an der Titanic vorbeigeschippert und hat den SOS-Funk ignoriert, Mama!" Will die Rentenstelle ernsthaft eine ehrliche Antwort auf die Frage, ob mein Mann und ich unsere Kinder gemeinsam und ohne Unterbrechung erzogen haben? Natürlich haben wir das nicht! Wir versuchen es andauernd. Aber unsere Erziehung strotzt vor Unterbrechungen.

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