In Spanien machen die Kuscheltiere immer nur, was sie wollen. Zu jeder Mahlzeit essen sie Grießbrei, Kartoffelbrei und Nudeln. Aufräumen müssen sie nie. Außerdem haben sie alle paar Tage Geburtstag, und es gibt ein Picknick mit Süßigkeiten. Die Kuscheltiere dürfen dann alles bestimmen. Kurzum: In Spanien ist das Leben genau so, wie es sein sollte.

Findet jedenfalls die Große. Ihre Geschichten vom paradiesischen Spanien schmiert sie uns zu fast jeder Mahlzeit aufs Brot. Die Nachricht ist klar: Es gibt einen Ort, an dem alles besser ist. Ein gelobtes Land, fernab vom ständigen „Das-darfst-du-nicht-das-macht-man-nicht-jetzt-nicht“ der Erwachsenenwelt. Vierjährige Kinder, so liest man, unterscheiden nicht zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Ich sehe es anders: Sie benutzen ihre Fantasie, um mit der beschwerlichen Realität besser klarzukommen. Seit die Tochter regelmäßig nach Spanien reist, sind ihre Wutanfälle deutlich seltener geworden. Und „bei uns in Spanien“ ist in der Familie inzwischen ein geflügeltes Wort.

Bei uns in Spanien, denkt sich mein Mann, gibt es jeden Tag Fleisch zu essen, das auch noch gesund und gut für die Umwelt ist. Die Kinder schlafen samstags bis zehn und Bayern München wird niemals deutscher Meister. Bei uns in Spanien, denkt sich der Kleine, quatschen die beim Essen mal nicht so viel, sondern sehen zu, dass noch was auf meinen Teller kommt. Außerdem bekommen dort alle Kinder zum ersten Geburtstag das neue iPhone geschenkt.

Bei uns in Spanien, denke ich mir, sagen die Kinder immer bitte und danke und sprechen nicht mit vollem Mund. Bei uns in Spanien sagen auch die Erwachsenen immer bitte und danke und sprechen nicht mit vollem Mund. Wenn ich mit Kindern und Gepäck in den Zug steigen will, öffnet mir jemand die Tür und bietet uns einen Platz an.

Wenn mein Kind in der Fußgängerzone einen Trotzanfall bekommt, schauen die Menschen dezent weg und schweigen. In Spanien ruft jedes Jahr kurz vor Weihnachten das Finanzamt an und fragt, wohin es die Steuerrückzahlung überweisen soll. Der Fußboden wischt sich von selbst und abends veranstalten die Familienmitglieder einen Wettbewerb darum, wer am schönsten aufräumt. Politiker(innen) lassen sich nicht mit ihrem Baby auf Plakaten abbilden, sondern tun endlich was gegen die Kinderarmut. In diesem Spanien verliere ich auch nie die Nerven und rede immer ruhig und freundlich mit meinen Kindern.

Kurzum: Spanien ist für unsere Familie ein sehr wichtiges Land. Vielleicht sollten wir mal hinfahren.

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