Der Friedman ist wieder aufgetaucht. Er saß in irgendeiner Fernseh-Talkshow, die abends von unserem Bildschirm blubberte, lächelte aus seinem faltigen Gesicht und zeigte: sehrsehrweiße Zähne. Sie blitzten und standen wie ein Kinderchor in Reih und Glied. Ich hätte mir wirklich gerne angehört, was Michel Friedman Dringendes zu sagen hat, aber ich musste mich auf seine Zähne konzentrieren. Und mein Mann erst. Alle Menschen im Fernsehen haben weiße Zähne, sagt er, und das sei definitiv nicht normal.

"Bestimmt gebleicht. Oder er hat sich Kronen setzen lassen", sagte meine Schwägerin. Sie hat ihn auch gesehen, den Friedman, denn sie war gerade zu Besuch bei uns. Sie verkündete, dass sie einmal im Jahr zur professionellen Zahnreinigung gehe und gerade keinen Kaffee trinken könne, weil sie ihre Zähne frisch gebleicht habe. Dafür benutze sie eine Art Fleckenteufel für Zähne, der scheußlich schmecke, aber wirke. Wahrscheinlich nehmen das viele, nicht nur beim Fernsehen. Außer die Engländer. Ihre Zähne sind meistens gelb und stehen kreuz und quer, sagt meine Schwägerin.

Jedenfalls schaue ich den Leuten jetzt intensiv aufs Gebiss, weil es mich interessiert, wie sie beißen. Kind 1 und Kind 2 beißen nämlich falsch. Beide. Deshalb wurden sie mit Zahnspangen ausgestattet. Der Kieferorthopäde verordnete ihnen Beißkörbe in pink und royalblau, die sie sich in den Mund schieben müssen. Jetzt sehen sie ums Gesicht herum aus wie Preisboxer und tun mir ein bisschen leid deswegen.

Kind 2 nahm die Zahnspange in Empfang, als hätte man dem Mädchen ein Krönchen aufgesetzt. Das Teil ist im Prinzip das Statussymbol von Kind 2. Breaking News aus der Grundschule: Mehrere Mädchen haben versucht, sich aus Büroklammern Zahnspangen zu basteln.

Auch Kind 1 trug sein Gestell mit Stolz und Würde, bis wir zum Rummel gingen. Am Autoscooter stand ein kleinerer Junge und starrte Kind 1 auf den Kiefer. Mein Sohn starrte zurück, dann explodierte er: "Glotz niff so und ziff ab!"

"Das klang nicht nett", sagte ich.

"Er hat miff aber angefftarrt", nuschelte Kind 1 aus seinem Preisboxermund. Seitdem wünscht er sich, er hätte lieber einen Gipsarm oder so. Er wollte schon immer mal testen, wie sich das anfühlt. Bloß keine Zahnspange. Er reißt aus vor ihr. Der blaue Beißkorb hat mich in seiner Gewalt. Wir reden dauernd von ihm. Ich suche ihn 16 Uhr, ich suche ihn 17 Uhr, ich suche ihn 20 Uhr. Ich möchte doch nur das Beste für Kind 1. Und schöne Zähne wie Friedman.

Weitere Blog-Einträge


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN