Zuerst hörte ich gar nichts, dann ein tiefes Luftholen, bevor sich die Frau mit brüchiger Stimme mir vorstellte und dabei ihren Namen sowie ihre Adresse und Kundenummer nannte. Dann war es wieder still in der Leitung. "Eigentlich wollte ich am gleichen Tag noch anrufen, habe es mir dann aber anders überlegt, weil ich dazu gar nicht in der Lage gewesen wäre, so geschockt war ich nämlich", sagte die Frau und nannte mir mit "Bewachtes Lernen" die Überschrift der Reportage, die am vergangenen Donnerstag auf der Seite "Zeitgeschehen" zu lesen war; es geht darin um jüdische Schulen in Deutschland allgemein und speziell um die Lauder-Beth-Zion- Schule in Berlin. Die Leserin hatte hörbar damit zu kämpfen, mir ihr Anliegen zu nennen. "Ich bin 90 Jahre alt, und deshalb muss ich ihnen nicht erklären, was ich in meiner Kindheit und Jugend in Deutschland miterlebt habe", meinte sie und erklärte mir. "Nun melde ich mich doch bei Ihnen, weil ich mit jemanden darüber reden muss, denn sonst weiß ich nicht wohin mit meinen Gefühlen." Es dauerte ein paar Sekunden, in denen wir beide schwiegen, bevor die Leserin sagte: "Mir kommen gerade schon wieder die Tränen, weil ich mir vor Augen halten muss, dass ich offenbar erneut in einem Land lebe, in dem jüdische Menschen in der Öffentlichkeit eine Mütze tragen, damit man ihre Kippa nicht sehen und sie als Juden erkennen kann." Wir haben eine Weile darüber geredet, es war ein bewegendes Gespräch für mich, bevor sich die Frau mit diesen Worten von mir verabschiedet hat: "Ganz ehrlich? Ich habe Angst."

Weitere Blog-Einträge