Seit einer Woche lebt Katja bei uns. Und schon am dritten Tag hat Katja eine Marotte entwickelt, die mich stört. Sie fängt abends beim Essen an zu summen und summt sich regelrecht in Ekstase. Jeden Abend gegen halb sieben. Ihrem Körper entweicht dann dieses monotone Geräusch, das mich an Schmeißfliegen erinnert. Mein erster Gedanke ist stets: Fliegenklatsche holen und zuschlagen. Aber dann fällt mir ein, dass das Summen von Katja kommt. Reiß dich zusammen und nimm es hin als Zeichen ihres Wohlbefindens, denke ich. Das Lächeln, das dabei über mein Gesicht hüpft, ist echt.

Kind 1 hat Katja mitgebracht. Katja, seine Biene. Der Junge fand sie auf dem Gehweg, kurz nach dem peitschenden Sturmtief Eberhard. Katja muss dort notgelandet sein, vielleicht hatte sie einen Schwächeanfall und konnte sich nicht mehr warmzittern. Bestimmt alles nur, weil das Wasser alle war bei ihr daheim. Katja hat ihrer Familie zugesummt, sie schwärmt mal eben aus und besorgt welches. Aber dann kam Eberhard. Sie kippelte und fiel um, und das sah so erbärmlich aus, dass Kind 1 sie auf ein Papiertaschentuch legte und mit nach Hause nahm. Passt gerade so gut in die globale Stimmungslage. Die Kinder haben angefangen, die Welt zu retten. Wir probieren das mit einer Biene. Bienenrettung for Future.
Der Junge baute ihr ein Krankenhaus aus einem Schuhkarton, gab ihr Zuckerwasser und Honig und Blumen und einen Namen. Bieni.
„Bieni, warum Bieni? Ich habe dich auch nicht Menschi genannt.“
„Weil ich nicht weiß, ob sie ein Junge oder ein Mädchen ist.“

Eigentlich sind die meisten Bienen Mädchen, erklärte ich. Die Weibchen halten den Laden am Laufen, die Männchen lassen sich bedienen und kümmern sich um nichts anderes als ums Begatten. Außerdem liegen die Männer um diese Jahreszeit noch im Ei. „Dann heißt sie Katja“, sagte Kind 1.

Katja müsste längst tot sein. Man liest nichts Gutes im Internet über Bienen, die auf der Straße gelandet sind. Aber Katja saugt und summt wieder. Kind 1 füttert sie morgens und abends mit Süßkram und Blumen. Gestern ist sie aus dem Krankenhaus entlassen worden. Kind 1 hat ihr ein Aquarium hergerichtet und hat sie vom Schuhkarton ins Aquarium gesetzt. Hier soll sie auf den nächsten Frühlingstag warten, sagt Kind 1. Der Junge nimmt die Sache mit Katja ernster als seine Mathehausaufgaben. Und ich glaube, er hat die Welt verstanden.

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