Fremdschämen ist etwas, was mir während meiner Sprechstunde eigentlich gar nicht in den Sinn kommt, weil es bei den Anliegen, die mir Leser vortragen, in 97,2 Prozent aller Gespräche nicht um etwas geht, was - nun darf ich auch mal sprachlich etwas direkter und nicht (politisch) korrekt sein - gar nicht auf meinen Mist gewachsen ist. Deshalb hat es mir gestern und heute bei insgesamt drei Unterhaltungen eine geradezu diebische Freude bereitet, drei Anrufern dies sagen zu dürfen: "Ich kann Ihren Ärger nachvollziehen und werde meine zuständigen und verantwortlichen Kollegen darüber informieren, dass Sie angerufen haben." Denn was die zwei Männer und eine Frau nicht wussten, die mich wegen dieser Überschrift angerufen hatten: Ich hatte Sonntagsdienst und habe selbst die Überschrift "Klares Bekenntnis: 'Keiner pisst in mein Revier'" für den Artikel über das Konzert von Sarah Connor in Leipzig gewählt, weil das nun mal der Titel einer ihrer gerade aktuellen Songs ist und ich mich gefreut habe, endlich mal ein weniger feuilletonistisches, dafür umso mehr zündendes Zitat als Titel wählen zu können. "Der Redakteur, der das zu verantworten hat, sollte sich schämen", sagte ein Leser, was ich nicht weiter kommentierte, sondern dies dachte: "Das tut er ganz bestimmt nicht." Noch weniger schütte ich Asche auf mein Haupt, weil ich schon seit 20 Jahren kein Fernsehgerät besitze, was mir zwei von vier Lesern vorgeworfen und hinzugefügt haben, dass mit mir dann wohl der falsche Mann am richtigen Ort sitzt, nachdem ich ihnen sagen musste, dass sie mit mir leider nicht über den ersten Erzgebirgskrimi im ZDF sprechen können. Deshalb bleibe ich abei: Das Leben ist kein Wunschkonzert. Anders formuliert, ich bekenne: Keiner pisst in mein Revier.

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