Wenn ich eine Liste der Fotomotive, die bei Lesern wie eine Initialzündung wirken und sie zum Telefon greifen lässt, um mich anzurufen, damit sie ihrem angestauten Ärger mal Luft verschaffen können, dann gehört ein Panzer der US-Streitkräfte auf jeden auf einen der Spitzenplätze. Genau das habe ich gedacht, als ich heute Morgen um kurz nach sechs die Zeitung aufschlug und auf der Seite "Kommentar & Hintergrund" den Bericht "Bald neue US-Panzertransporte durch Deutschland nach Osten" mit einem entsprechenden Foto sah, bevor ich meinen Wunsch an die für Leserobmänner zuständigen Himmelsbewohner absetzte, der da lautete: Lasst doch bitte diesen Kelch an mir vorübergehen. Nein, das wollten sie dann doch nicht, den Grund werde ich wohl nie erfahren, denn innerhalb einer Stunde haben fünf Anrufer mich wegen dieses Berichts angerufen, um ausnahmslos darüber zu Schimpfen nach dem Motto "Die Amerikaner, was bilden die sich überhaupt ein?". Selbstverständlich waren alle der Ansicht, dass es, wenn es einen Kriegstreiber auf der Welt gibt, nur die USA sein können, denn Russland sei ein ohnehin in der Geschichte vom großem Leid heimgesuchtes Land und würde niemals auf die Idee kommen, eine militärische Auseinandersetzung führen zu wollen. Eine Leserin möchte ich zitieren, weil sie diese Einschätzung beziehungsweise die dafür verantwortlichen Gründe wunderbar zusammenfasste: "Wir waren schon drei Mal in Russland, alles liebe und nette Menschen, und so was von gastfreundlich, kann ich ihnen sagen", meinte die Frau und fügte abschließend hinzu: "Schreiben Sie das ruhig mal in Ihrer Zeitung."

Vom journalistischen Standpunkt aus betrachtet gab es unter den insgesamt elf Gesprächen mit Lesern am Telefon auch ein wertvolles beziehungsweise hilfreiches, denn ein Mann meldet sich mir und meinte, dass er gerade den Artikel "Vielen Sachsen droht im Alter ein Umzug" auf der heutigen Titelseite gelesen habe, weshalb er mich nun spontan angerufen habe, denn ihm sei da ein Gedanke gekommen, nämlich dieser: "Ich wohne im fünften Stock eines Neubaublocks, und es gibt keinen Fahrstuhl, und deshalb halte ich es für sinnvoller, wenn man ein Teil des vielen Geldes für die Förderung des altersgerechten Wohnen auch in den Bau von Aufzügen stecken sollte, weil dann viele Ältere gar nichts erst umziehen müssten, sondern in ihren Wohnungen bleiben könnten", sagte der Anrufer und formulierte seinen Auftrag mit diesen Worten: "Schicken Sie Jürgen B. doch mal in die Spur, da könnte er nämlich mal was richtig Sinnvolles recherchieren." Nun hoffe ich, dass mein Kollege nicht zu den Lesern meines Blogs gehört, weil des Journalisten Seele mitunter eine empfindliche sein kann.

Und weil es so gut wie gar nicht vorkommt, dass mich Leute wegen eines Artikel auf der Seite "Fernsehen" anrufen, darf sich dieser Leser darüber freuen, dass ich seinen Hinweis hier wörtlich wiedergebe: "Es ist geradezu widerlich und ekelerregend, was sich die Krimiautoren hier wieder einfallen lassen haben. Für die gibt es eben kein Tabu. Es werden immer nur Pistolenmündungen und blutige Leichen gezeigt, die am Boden liegen. Man muss sich nicht wundern, wenn solches bei einschlägigen Charakteren auf fruchtbaren Boden fällt." Leider habe ich die Chance verpasst, den Mann zu fragen, was er unter einem "einschlägigen Charakter" versteht, was aber auch nicht weiter schlimm ist, denn vermutlich hätte ich mich an die eigene Nase fassen müssen, denn ich kann mich kaum daran erinnern, wann ich das letzte Mal einen Roman gelesen habe, in dem nicht ein Mörder sein schändliches Unwesen getrieben hat; mir gefallen (fiktive) blutige Leichen eben sehr.

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