Bühne frei für Dotti

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Sieglinde starb, als sie Urlaub hatte. Sie nahm ein Sandbad auf ihrem Hof, rieb ihren Po im Dreck und döste im Rausch der Sonne vor sich hin. Im nächsten Augenblick war sie tot. Ermordet aus dem Hinterhalt. Von jemandem, der seine Dominanz auslebte und sich im Blutrausch verlor. Ein Hund hat die talentierte junge Schauspielerin totgebissen.

Wichtig ist an dieser Stelle, dass Sieglinde eine Henne war. Sie hat in diversen deutschen Filmen und Serien Nebenrollen gespielt. Sieglinde war mehr als ein Huhn. Sieglinde war der Che Guevara von Millionen Hühnern, die in Gefangenschaft leben und deren Kinder geschreddert werden. Ein Idol. Eine Legehenne, die es geschafft hat. Die sich in die Herzen des deutschen Fernsehpublikums gegackert hat. Sie kämpfte für ein besseres Leben ihrer Artgenossen. Denn immer, wenn ihre Fans eine Fleischerei betraten, sollten sie an die liebenswerte und lebensfrohe Sieglinde denken.

Und hier kommen wir ins Spiel. Kind 1 verirrt sich hin und wieder in der Gedankenspirale, wie sein zukünftiges Leben aussehen könnte. Neulich bat mich der Junge um meine Meinung zu folgendem Lebenskonzept: Vormittags könne er sich vorstellen, als Lehrer zu arbeiten. Höchstens ein Fach würde er unterrichten, um noch vor den Schülern aus dem Haus zu kommen. Nachmittags würde er sich der Polizei zur Verfügung stellen, böse Jungs von der Straße auflesen und dabei hin und wieder seine Hand ans Holster legen. Zu einem Dienstwagen würde er in diesem Zusammenhang nicht nein sagen. Abends möchte er das tun, was er am liebsten tut: Hühner beobachten. Von dem Erlös seiner beiden Jobs gedenke er, sich ein Leben als Feierabend-Biobauer zu ermöglichen. Ob das nicht ein bisschen viel wäre, fragte ich Kind 1. Aber der Junge meint, der Mensch lebt nicht vom Ei allein.

Dann schickte mir meine Freundin Birgit ein Lesestück über Leben und Werk von Filmhuhn Sieglinde. Sie war nicht schlecht, aber es gibt Bessere. Was kann Sieglinde, was Dotti nicht kann? Dotti, die Lieblingshenne von Kind 1, beherrscht das Kommando „bei Fuß!“. Und sie liebt gemeinsame Fernsehabende, bei denen ihr jemand den Rücken krault. Manchmal klemmt ihr Ei, und sie muss mehrmals kräftig pressen, bis es gelegt ist. Sie geht dann rein ins Legenest und wieder raus, geht rein und wieder raus und rein. Bis es kommt.

Vielleicht ist in Sieglindes Künstleragentur eine passende Stelle frei für Dotti. Kind 1 müsste dann doch nicht so hart arbeiten, wie es denkt. Ich sollte die Bewerbungsunterlagen fertig machen und keine Zeit verlieren. Den letzten beißen die Hunde. Ruhe in Frieden, Siegi!

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