Das Urur-Homeoffice

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Manchmal haue ich meinen Kindern die Taschen voll. Ich erzähle ihnen schräge Geschichten, erfreue mich daran, wie Kind 1 und Kind 2 staunen, und sage am Ende: War ein Scherz. Wahrscheinlich gehört sich das nicht als Mutter, aber wir haben Spaß daran. Jedenfalls lernen Kind 1 und Kind 2, dass man den Leuten nicht alles glauben darf und dass manche nur Käse erzählen.

In den Herbstferien waren wir im Ländle. Wir machten Urlaub im Schwarzwald, im Heimatmuseum deutscher Gemütlichkeit. Man erfreut sich hier als Tourist an Dorfkneipen mit großen Klößen, an dunkelgrünen Landschaften und an einem kleinen Kuckuck, der jede halbe Stunde aus der Wanduhr kriecht und sein Kuckucksgeräusch macht.

Weil uns langweilig war, haben wir ein Schulmuseum besucht. Kind 1 und Kind 2 fanden das nicht sehr witzig. Denn alles, was mit Schule zu tun hat, hat in ihrer Freizeit nichts zu suchen. Ich versprach ihnen, dass sie dort die erste Tablet-Klasse der Geschichte sehen werden, und deshalb kam dieser Ausflug überhaupt zustande.

Im Klassenzimmer zeigte ich auf die kleinen, schwarzen Schiefertafeln und die Kreidestifte auf den Tischen und sagte: „Für jedes Kind ein eigenes Elf-Zoll-Tablet und ein Pencil, wie wunderbar!“ Der Blick von Kind 1 zeigte mir, dass ich witzetechnisch noch weit hinter Oliver Pocher liege.

Von der Wandreihe ging es in ein kleines Zimmer. Darin: ein Holzbett mit rotkarierter Bettwäsche, ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl. In diesem Zimmer lebte der Lehrer.

Das war tatsächlich so im Schwarzwald des zu Ende gehenden 19. Jahrhundert. Falls der Lehrer zufällig eine Frau fand, bekam er Geld von seiner Gemeinde und durfte in die Lehrerwohnung ziehen. Wir standen also mitten in der Ur-Form des Homeoffice. Einen einzigen Schritt musste der Dorflehrer machen, um zielsicher zur Arbeit zu kommen. Dank des Heimarbeitsplatzes lief der Laden, obwohl viel Schnee existierte, dafür aber kein W-Lan. Und wenn er es im Kreuz hatte, konnte er vom Bett aus Befehle geben, der Dorflehrer im Schwarzwald. Man hatte praktisch an alles gedacht. Hätte es Kontaktbeschränkungen und Corona gegeben, hätte er seine Aufgaben unter dem Türspalt hindurch ins Klassenzimmer schieben können. Alles schon mal da gewesen. Das Homeoffice genauso wie hässliche weite Hosen und Karobettwäsche.

Ich habe misstrauische Kinder. Wir waren längst wieder zu Hause, als Kind 2 fragte, ob das wirklich so stimme, dass Lehrer früher in diesen kleinen Schachteln wohnten. Ich schwor hoch und heilig, aber Kind 2 glaubte mir nicht. Also riefen wir im Museum an, und ich stellte das Telefon laut. Die Frau, die ran ging, schwäbelte uns die Antwort ins Wohnzimmer, während ich selbstgefällig nickte. Ich hätte ihr gerne noch ein bisschen zugehört. Ihr Dialekt war der Soundtrack unseres Urlaubs.

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