Zunächst versuche ich es heute mal mit zwei Fragen, die jeder, der versuchen möchte, mich und meine Arbeit als Leserobmann besser verstehen zu wollen, beantworten möge mit der Absicht, wenn sie falsch ist, sich eines Besseren belehren zu lassen. Darum geht es: Während der vergangenen Jahre ist bei den Berichten über den NSU-Prozess die Hauptangeklagte Beate Zschäpe auf den Fotos deutlich gezeigt worden und man konnte sie klar erkennen, wenn sie nicht mit dem Rücken zu den Kameras gestanden hat, während die Gesichter der meisten anderen Angeklagten gepixelt und damit unkenntlich gemacht waren - warum war und ist das so? Zweite Frage: Auf der Seite "Kinder & Co" stand am vergangenen Freitag im Vorspann des Artikels mit der Überschrift "Lebenslange Haft für Beate Zschäpe" diese Sätze: "Im NSU-Prozess ist das Urteil gefallen: Beate Zschäpe muss lebenslang hinter Gitter. Sie soll schlimme Verbrechen begangen haben." Zwei Leser haben mich deswegen angerufen und mich (in deutlichen Worten ausgesprochen) rundgemacht deswegen. Die eine Frau zitiere ich mal: "Was soll denn dieser Sch..., wenn sie verurteilt wurde, dann hat sie das auch getan und dann muss man das auch so schreiben." Hat die Leserin Recht und hätte dort stehen müssen, dass sie tatsächlich schlimme Verbrechen begangen hat?

Hier die beiden Antworten:

Erstens: Beate Zschäpe ist (medienrechtlich gesehen) eine Person der Zeitgeschichte, weshalb man ihr Gesicht auch fotografieren und zeigen darf, während das für die anderen Angeklagten nicht gilt und sie auch zu Recht im Gerichtssaal, wenn Fotografen zugelassen sind, zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte ihr Gesicht verdecken dürfen.

Zweitens: So lange ein Urteil nichts rechtskräftig und eine Revision möglich ist, ist bei allen Angeklagten uneingeschränkt und ohne Ausnahme von der Unschuldsvermutung auszugehen, weshalb man nicht schreiben darf, dass Beate Zschäpe eine Mörderin ist, sondern die ihr vorgeworfenen Verbrechen begangen haben soll.

Und nun der eigentliche Grund für diesen Blogeintrag: In den vergangenen acht Jahren habe ich etwas 50 Gespräche mit Lesern geführt, die mich wegen dieses Themas angerufen hatten. Das ist jetzt keine Untertreibung: Noch niemals habe ich es geschafft, die Leute davon zu überzeugen, dass sie mit ihrer Einschätzung falsch liegen und meine Kollegen bei den Berichten und der Auswahl der Fotos im Recht sind. An dieser Stelle möchte noch einmal auf das Exposé für meine Memoiren verweisen, in dem es das Kapitel "Ordner-X" (bei Akte-X, was mir besser gefallen würde, hätte ich Probleme mit dem Urheberrecht bekommen) gibt, worin diese gewissen Mysterien stehen werden, die für mich auf ewig unerklärbar bleiben. In diesem Fall lässt es sich als Frage formulieren: Warum um Himmelswillen können die Leser das nicht verstehen? Oder gibt es einen Grund, warum sie es nicht verstehen wollen? Ganz ehrlich? Das will mir einfach nicht in den Kopf.

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