Wir waren in Kärnten. Rechts und links Heidi-Wiesen, und darüber spazierten Ziegen, die den ganzen Tag lang Gras kauten. Es gab Ferienwohnungen mit Alpen-Panoramafenster, eine Bäuerin, die morgens Brötchenbeutel an die Wohnungstür hängt und ab und zu die Gäste in ihre Küche winkt, um ihnen selbst gebrannten Obstler auszuschenken. Über dem Tal schwebte meistens eine weiße Wolke und versteckte das Dorf, das dem Hof zu Füßen lag.

Im Stall lebte ein Schwein namens Franziska zusammen mit einem Kaninchenvolk, das genau wie die Ziegen ständig Gras kaute. Dort saß Julian auf der Bank, als wir anreisten. Julian streichelte das Kaninchen auf seinem Schoß. Sein Vater tänzelte um ihn herum und machte Fotos von dem Jungen.

„Der Christian“, stellte er sich vor und schüttelte meine Hand. Dann klebte er irgendwie neben mir. Sein Julian sei zehn. Während ich Julian-Geschichten hörte, streichelten Kind 1 und Kind 2 zusammen mit Julian Kaninchen, dann zeigte uns der Junge den Hof. An der Tischtennisplatte spielten die Kinder eine Runde. Julian schmetterte einen Ball nach dem anderen übers Netz und gewann. Obwohl er vor fünf Tagen zum ersten Mal in seinem Leben Tischtennis gespielt habe, sagte der Christian: „Julian kann irgendwie alles ziemlich gut.“

Die Kinder gingen an den Kickertisch, wo Julian wieder der Beste war. Der Christian zückte sein Smartphone und filmte das Siegergesicht. Dann entschuldigte er sich für die erneute Niederlage meiner Kinder und verkündete mit Tränen des Stolzes in den Augen, dass sein Julian zufällig unangefochtener Schulmeister im Tischkicker sei. Er besuche eine Hochbegabtenschule, in der Kickertische zur Pausenbespaßung gehörten. Außerdem belege er Chinesisch und spiele Harfe wie ein Engel. Und wenn er mir als Vater ein Geheimnis verraten müsse, dann dieses: Kind 2 sehe aus wie Julians verschollene Kindergartenliebe. Deshalb lasse Julian fragen, ob Kind 2 hier unter falschem Namen aufgetaucht sei. Ich hielt das für einen blöden Witz und machte auch einen: „Ja, eigentlich leben wir im Zeugenschutzprogramm, weil wir Spielschulden haben.“

Am nächsten Tag trafen wir Julian und seinen Vater in der Klamm. Wir waren als erste da, und Kind 1 und Kind 2 sprangen über die Felsbrocken, die im Wasser lagen wie schlafende Flusspferde. Julian winkte und hüpfte zu ihnen, leichtfüßig wie ein Äffchen. „Jawoll, Julian!“, rief Christian. Er zog das Smartphone aus der Gürteltasche und machte Fotos mit Julian als Hauptdarsteller.

Für den Abend lud er uns in seine Ferienwohnung ein, um gemeinsam Julians Lieblingsspiel zu spielen. Monopoly. Wir bildeten Mannschaften, jeweils ein Elternteil und ein Kind. Ich spielte mit Kind 1, Julian mit seinem Vater. Die beiden waren ziemlich schnell pleite. Julian weinte und warf das Brett um. Am nächsten Tag waren die beiden verschwunden. Vorfristig abgereist, erklärte die Bäuerin.

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