Der Nester-Tester

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Ich wollte mit Kind 1 nicht zum Zelten fahren, denn Kind 1 hat sehr viel auszusetzen an Fremdbehausungen. Am allerschlimmsten findet es Insekten, die in Ecken wohnen. Dann sagt das Kind „iiihh“, ringt nach Fassung, sagt „pfui“, ringt nach Fassung, schüttelt sich zurecht und sagt „Schmutz“.

Neuerdings sagt der Junge „Schmutz“, wenn er etwas blöd findet:

„Dein Obst hast du wieder nicht gegessen. Alles noch in der Brotbüchse!“

„Schmutz!“

„Aber die Gummibärchen sind weg. Toll.“

„Schmutz!“

Wir waren zur Kur, das ist schon eine Weile her. Kind 1 und Kind 2 brauchten Sanatoriumsbehandlungen wegen einer schwer erziehbaren Mutter. Deshalb bezogen wir zu dritt ein nettes Zimmer in einem netten kleinen Wohnheim mit Vollpension. Gelbe Wände, Ausblick ins Grüne. Kind 1 untersuchte sein Schlafquartier, fand hinter dem Heizkörper eine Spinne und veranlasste umgehend die Evakuierung. Es verschwand mit Kind 2 im Schwimmbad und ließ mich mit einem Stöckchen zurück, mit dem ich das Spinnennetz zerstören sollte. Im besten Fall würde die Spinne am Netzknäuel festhängen, und ich könnte sie ins nächste Dorf fahren, wo sich die Spinne ein neues Leben aufbauen könnte. Tat sie aber nicht. Am Netz festhängen, meine ich. Sie raffte sich auf und lief mit ihren acht Beinen in die nächstbeste Ecke. Ich lieh mir einen Staubsauger.

Einmal tanzten Mücken durch die Ferienwohnung, dann klebte ein Kaugummi unter dem Stuhl, dann roch es nach Zigaretten, dann nach Katzenfutter, dann hing ein Bild an der Wand, das dem Jungen hässliche Träume bescherte.

Kind 1 ist ein Nester-Tester. Es könnte wahrscheinlich Geld verdienen mit seinem kritischen Blick, indem es Ferienanlagen auf ihre Benutzerfreundlichkeit untersucht. Dann gäbe es weniger Wutbürger, die nach ihrem Urlaub im Reisebüro explodieren und anschließend bis zu den nächsten Ferien vor sich hin dampfen, weil sie sich so aufregen mussten. Andererseits wäre ihnen das vielleicht gar nicht recht, weil Schimpfen eine Lebensaufgabe ist?

Die Welle coronaesker Naturverbundenheit erreichte uns jedenfalls an einem Freitag. Wir fuhren an die Talsperre und bauten ein kleines Zelt auf. Weil Gruppencampen mehr Spaß macht, fuhren wir zusammen mit Freunden. Kind 1 stellte fest, dass unser Zelt das Kleinste in dieser Kommune ist. Dafür hatten wir einen Hund dabei und alle anderen nicht. Kind 2 zog ins Nachbarszelt und schlief dort mit der BFF, was die beste Freundin ist. Als Mädchen sagt man das heute so.

Nachts sind Zeltplätze wie Lautsprecher. Man hört jedes Geräusch seiner Nachbarn, als würde man einen Schlafsack mit ihnen teilen. 4.56 Uhr fragte Kind 2 die BFF, ob sie schon wach sei. Die BFF reagierte nicht. Deshalb fragte Kind 2 die BFF um 4.57 Uhr noch einmal, ob sie schon wach sei. Jetzt etwas lauter. 5.03 Uhr kamen Kind 2 und die BFF in unser Zelt und fragten mich und Kind 1, ob wir schon wach seien. „Schmutz!“, rief Kind 1.

Was soll ich sagen. Ich bin ja so leicht zu begeistern. Wir müssen häufiger Zeltplätze aufsuchen.

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