Entschuldigung, aber mein Schlüssel ist weg. Ich wollte hier schreiben, wie man zu Geld kommt, ohne viel zu arbeiten. Hätte Sie bestimmt auch interessiert, mitten in diesem glühweinverseuchten Weihnachtsrausch. Ich kann mich aber nicht konzentrieren, weil mein Schlüssel nicht da ist.

Ich weiß das seit dem Frühstück. Der Tag begann harmlos, und es hätte was aus ihm werden können. Kind 1 und Kind 2 haben schulfrei und durften ausschlafen, mein Mann muss arbeiten und ich nicht. Um neun klingelte meine Freundin mit frischen Brötchen, weil wir zusammen frühstücken wollten. Sie ist Hobby-Philosophin und Bofrost-Köchin, ich habe sie schon mal erwähnt. Im Sommer hatte sie mir beim Rasenmähen zugeschaut und gemeint, ich soll das Gras nicht verfluchen, nur weil es seiner Aufgabe nachkommt und wächst.

Ich öffnete ihr die Tür und lächelte: „So ein positiver Morgen. Lass uns darauf mit Cappuccino anstoßen!“ Sie schaute wie ein Polizist beim Karneval und fragte, ob ich so früh schon etwas getrunken hätte. Ich lächelte darüber hinweg, tänzelte zur Klaviermusik in die Küche und schäumte uns Milch auf. Der Garten war mit Schnee glasiert. Kind 1 und Kind 2 wollten hinaus zum Anrodeln. Dazu brauchten sie ihre Schlitten aus der Garage. „Gibst du mir den Schlüssel?“ rief Kind 1, das im Flur auf und nieder hüpfte. „Im Flur!“ rief ich. „Ist er nicht“, rief Kind 1, gereizt inzwischen.

„Dann in meiner Jacke!“

„Auch nicht!“

Sie fühle gerade mit mir, erklärte meine Freundin. Der Schlüssel sei etwas Existenzielles, philosophierte sie. Nicht umsonst gäbe es Sprüche wie „der Schlüssel zum Glück“ und „der Schlüssel zum Erfolg“. Schon deshalb müsse man ihm einen festen Platz in jedem Haushalt einrichten. Da stand ich auf und begann ihn zu suchen, den Schlüsselbund. Ich habe nur diesen einen. Daran hängen sämtliche Schlüssel, die ich besitze. Gelegentlich tauchte Kind 1 auf und rief nach dem Schlitten. Ich hörte weg und suchte.

Ich bin kein Verleger, auch nicht von Schlüsseln. Wenn ich etwas suche, hat es jemand weggeräumt. Meistens mein Mann. Für einen Mann gar nicht schlecht, wenn er wegräumt. Muss man positiv sehen als Deutscher, erst recht als Frau. Jetzt ruft Kind 1 nach seinem Roller, weil der Schnee geschmolzen und in die Kanalisation getropft ist. Kind 1 will in eine Familie ziehen, in der niemals Schlüssel verschwinden. Wird der Junge aber nicht finden.

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