Einer dieser Tage, an denen es um vier schon Abend ist. Wir saßen im Auto und fuhren zum Weihnachtsmarkt. Nicht wegen mir. Ich hatte keine Lust, denn ich finde Glühwein klebrig und Schubsschlangen blöd. Und die Parkhäuser laufen über. Und die Bratwürste sehen aus wie verkohlte Stöckchen. Aber egal. Kind 1 und Kind 2 hatten beschlossen, auf dem Weihnachtsmarkt Langos zu essen, diese fettigen, keksfarbenen Teigteilchen. Wir fuhren mit dem Auto in die Stadt, und Kind 1 sang vergnügt: „Somewhere over the rainbow“. Seine Stimme glasierte mich mit Gänsehaut.

„Alter, du musst wirklich in euren Chor gehen“, sagte Kind 2. „Kannst du vergessen. Ich mach keine Überstunden“, sagte Kind 1.

Etwas später standen wir am Langos-Büdchen in der Schlange, und Kind 1 fand fünf Euro auf dem Boden. Der Junge steckte den Schein ein und erklärte, der Weihnachtsmarkt sei eine Goldgrube für Leute wie ihn und er werde jetzt an den Nachbar-Buden nach weiteren Geldscheinen suchen. Außerdem nehme er bitte einmal Langos mit Käse. Aber bloß kein Emmentaler. Davon müsse er brechen. Kind 2 ging mit und wollte ebenfalls sein Glück versuchen. Daraufhin drehte sich die Frau um, die vor mir in der Schlange stand, und sagte: „Seien Sie froh, dass Sie meine Probleme nicht haben. Meine Tochter ist gerade von ihrem Freund verlassen worden.“ Sie sei jetzt zwar hier auf dem Weihnachtsmarkt, fahre aber dann zur Tochter, um mit ihr zum Trost einen Kurzurlaub in Wien zu buchen. Das Leben müsse ja weitergehen. Dann sagte sie, die Schlange sei zu lang und sie stelle sich nun doch nicht mehr an, weil sie den Hunger übergangen habe. Manchmal übergeht man den Hunger. Der ist dann einfach weg und kommt erst zur nächsten Mahlzeit wieder. Sie ging, verlassen vom Hunger, Kind 1 und Kind 2 kamen zurück. Kind 2 hat Pech in der Geldsucherbranche und wieder nichts gefunden. Das Mädchen ärgerte sich über den Bruder, der mit einem weiteren Fünf-Euro-Schein wedelte.

Nach dem letzten Bissen Langos klagte Kind 2 über Bauchschmerzen. Kind 1 beschwerte sich über seinen Punsch. Jemand habe ihm eine Scheibe Gurke in die Tasse geworfen. Das sei widerlich, abartig und unmöglich. Deshalb wolle er ins Kaufhaus gehen und seine gefundenen zehn Euro in Waren umsetzen. Von diesem Wunsch bekam Kind 2 noch mehr Bauchschmerzen. Ich trug das Mädchen Huckepack zurück zum Auto, pflückte den Strafzettel vom Scheibenwischer und dachte, o du Fröhliche.

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