Die Herdplatte ist heiß - oder nicht?

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Während ich mehr oder weniger noch dabei bin und darüber nachdenke, ob das Arbeiten im Homeoffice nun mehr Vor- als Nachteile hat, hatte ich so etwas wie ein Schlüsselerlebnis bei der Bewertung der anderen Umstände in der eigenen Wohnung. Ausschlaggebend waren zwei Leser, die mich angerufen hatten, weil sie stocksauer waren und offenbar ein Ventil brauchten, um ihren aufgestauten Ärger einmal loswerden zu können. Beide Gespräche führte ich innerhalb von wenigen Minuten, weshalb ich der Auswertung mit Blick auf die Tatsache, dass ich eben nicht im Büro saß, sondern auf meinem Sofa (...), eine doch schon größere Bedeutung einräumen möchte.

Der erste Leser meinte: "Wenn Sie noch ein einziges Mal einen Leserbrief von jemanden abdrucken, der das Impfen nicht nur für sich, sondern kategorisch ablehnt und ein mögliche Impfpflicht als einen Angriff auf seiner persönliche Freiheit ansieht, werde ich sofort das Lesen der Zeitung einstellen und das Abo kündigen."

Der zweite Anrufer sagte: "Ich könnte (...), wenn ich die drei Meinungen im Leserforum zum Konflikt in der Ukraine und dem Verhalten des Westens lese, denn diese Putin-Freunde und Russland-Versteher wollen einfach nicht begreifen, wer in diesem Spiel der Verbrecher und Kriegstreiber ist. Sollte das noch einmal vorkommen, werde ich mir überlegen müssen, ob ich nicht doch künftig lieber eine andere Zeitung als Ihre lesen werde.

Beide haben von mir die gleiche Antwort erhalten: "Vielen Dank für Ihren Anruf und dafür, dass sie mir Ihre Meinung zu diesem Thema gesagt haben, ich wünsche Ihnen noch eine schöne Advents- und Weihnachtszeit, bleiben Sie bitte gesund und zuversichtlich, auf Wiederhören." Und da stand für mich fest: Im Homeoffice fällt es mir wesentlich leichter, meine eigene Meinung für mich zu behalten und auf eine inhaltliche Diskussion zu verzichten mit der Gewissheit, dass dabei nichts beziehungsweise nur eine leichte Erhöhung meines Ruhepuls herauskommen würde.

Erwähnen möchte ich noch, damit dieser Blogeintrag nicht ein gar so wenig konstruktiver wird, diese Einschätzung eines Lesers, er teilte mir zu nächst dies mit: "Zwei stehen vor einem Herd, einer sagt, die Herdplatte ist heiß, der andere behauptet, sie ist kalt. Die Beweisführung ist denkbar einfach. Der, der meint, der Herd sei kalt, wird seine Hand auf die Herdplatte legen und augenblicklich zeigt sich, wer Recht hat." Bevor ich mich noch darüber wundern konnte, warum er mir das mitteilt, habe ich den Grund erfahren und tatsächlich gestaunt angesichts dieses treffenden Vergleichs: 

"Heute aber ist das offenbar anders, denn die, die behaupten, der Herd sei kalt, legen ihre Hand nicht auf die Herdplatte, sondern rotten sich zusammen, gehen auf die Straße, brüllen Parolen über Diktatur und Lügen und wählen eine rechtsradikale Partei." Irgendwann später habe ich mir die Frage gestellt: Wie kann man diese Leute dazu bewegen, ihre Hände auf die Herdplatte zu legen? Nur darauf vertrauen, dass das Virus keine Unterschiede macht bei Menschen unterschiedlicher Gesinnung?

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