Die Sache ist die, dass wir regelmäßig duschen. Wir waschen unsere Hände vor dem Essen, wechseln täglich die Unterwäsche und gucken kein RTL 2. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung könnte ein Werbefilmchen mit uns drehen, falls sie ein paar Leute braucht, die in ihrem frisch desinfizierten Wohnzimmer deutsche Reinlichkeit ausstrahlen.

Und nun kommt Kind 2 ins Spiel. Das Mädchen möchte den ganzen Tag am liebsten nichts anderes tun, als sich am Kopf zu kratzen. Mir macht so was Angst. Ich denke dann schlimme Sachen. Kind 2 könnte zum Beispiel eine Krankheit ausbrüten, bei dem es sein haselnussbraunes Haar verliert. Variante zwei wäre ein nervöser Kratz-Tic. Kinder entwickeln das manchmal, zwinkern nervös, räuspern sich und essen ihre Bleistifte im Matheunterricht.

Variante drei schlug Kind 2 vor: "Mama, ich hab Läuse, oder?" Meine Tochter erklärte, dass alle ihre Freundinnen Läuse haben. Anschließend hielt sie einen Vortrag über das Wesen der Laus. Die sei ja auch nur ein Tier, gar nicht so hässlich und könne nichts dafür, dass sie auf Kinderköpfen leben müsse. Anschließend wollte sie mit ihrer Bürste mein Haar kämmen, was ich mit einem kleinen hysterischen Auftritt ablehnte.

Ich hasse Läuse. Die krabbeln von Kopf zu Kopf und sind so lästig wie die Panflötentypen vor meinem Bürofenster. Wer in meiner Kindheit Läuse hatte, rutschte auf den Sozialstatus einer Amöbe.

Irgendwie muss seitdem was passiert sein auf den Köpfen. Bei Kind 2 erzeugt die Laus jedenfalls ein Gemeinschaftsgefühl. Wer welche hat, hat's ins Team geschafft. Die Laus als Zeichen einer glücklichen, unbeschwerten Kindheit. Kind 2 kratzte sich und kratzte sich. Ich mich auch. Ich suchte auf dem Kopf des Mädchens, fand aber keinen Hinweis auf parasitäres Leben dort oben. Etwas später kratzte ich mit einem Edelstahlkamm Tierchen vom Kinderkopf und massierte ihn mit Spezialshampoo. Kind 2 beobachtete seine Läuse unter der Lupe und überlegte sich Namen für sie. "Ich sage doch, dass ich Läuse habe", sagte das Mädchen und lächelte zufrieden. Die Anna-Lena habe sogar schon zum dritten Mal welche, die Anna-Lena sei ja auch in verschiedenen Freundeskreisen aktiv.

Ich habe inzwischen Sondersendungen über Kopfläuse gesehen, verschiedene Läuseshampoos im Schrank und bin dabei, eine Selbsthilfegruppe für verlauste Familien zu gründen. Ich suche noch einen Friseur, der mitmacht. Wir könnten Entlausungspartys feiern und gleichzeitig Kinderköpfe shampoonieren. Das wäre noch besser fürs Gemeinschaftsgefühl.

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