Die neue Normalität

Seit dieser Zeit, die unsere neue Normalität sein soll, träume ich wieder. Letzte Nacht zum Beispiel. Ich träumte, dass ich mit der Familie in einem Spaßbad bin. Denn meine Kinder wünschen sich nichts sehnlicher als ihre alte Normalität zurück, in der sie unbeschwert Schwimmanstalten mit Rutschen aufsuchen konnten.

Wir bewegten uns also wassertretend durch die lauwarme Brühe. Da entdeckte ich am Horizont einen Rutschenturm, hochhaushoch und so bunt wie eine Welt von Super-Mario, dem Klempnermeister von Nintendo. Ich schwamm diesem Paradies entgegen, um es für meine Nachkommen zu erkunden.

 

Und zack, zog mich jemand aus dem Wasser. Man habe an meinem Verhalten erkannt, dass ich aus einem Corona-Risikogebiet stamme. Dann fuhr ich aus dem Schlaf und war erleichtert. Ich weckte mein Handy und suchte Neuigkeiten zur Coronalage, da wir spontan verreisen möchten. Wenigstens für ein paar Tage, vielleicht sogar irgendetwas mit baden. Hätte mir in den letzten Herbstferien jemand gesagt, dass demnächst ein Virus unsere Reiseroute bestimmt – ich hätte mich nach seiner Diagnose erkundigt und ihn zum Arzt gefahren. Ein Jahr später bin ich dabei, mich an OP-Masken zu gewöhnen. Es passiert mir immer häufiger, dass ich sie nach dem Einkaufen im Gesicht vergesse. Sie wärmt mich an Stellen, von denen ich jetzt erst gelernt habe, dass ich auch dort frieren kann.

 

Mich selbst hat das Virus noch nicht erwischt, aber meine Gedanken hat es infiziert. Wenn ich E-Mails schreibe, benutze ich jetzt Schriftarten mit Buchstaben, die eng beieinander stehen. Für Buchstaben gilt kein Mindestabstand, kleine Freude des Alltags. Wenn ich meinen Vater treffe, will ich ihn in den Arm nehmen und friere kurz davor ein. Ich hoffe nicht, dass das unsere neue Normalität ist. Ausnahmesituation wäre ein erträglicheres Wort.

 

Aber eigentlich geht es hier um Urlaub und um die Frage, was man tun sollte und was lieber nicht. Neuerdings stapeln sich bei uns Briefe von Geschäften. Das Möbelhaus lädt uns zum Mailänder-Mondschein-Shopping ein, der Elektrohändler möchte mit uns eine Woche der heißen Preise verbringen, der Sportladen will mit uns die Skisaison eröffnen. Und dann wäre da noch der Weinhändler, den wir Ewigkeiten nicht aufgesucht haben. Er bietet uns an, unsere Geschmacksknöspchen in die Toskana zu schicken. Das ist die neue Dimension des Reisens. Wir können bequem an einem Tag um die Welt zuckeln, ohne rote Linien zu übertreten.

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