Die vielen E-Mails

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Tim Bendzko ist der nette junge Mann mit den Goldlöckchen, der sich singend über seine vielen E-Mails beschwert. Er muss noch 148 Mails checken, bevor er die Welt retten kann. Hundertachtundvierzig Mails! Was soll er denn noch alles machen, der arme Junge? Denkt man so, wenn man ihn singen hört. Sein Lied ist nun ziemlich genau zehn Jahre alt, und ich frage mich, warum er die Welt nicht längst gerettet hat. Die Sache wird ja nicht leichter, das sollte man nicht vor sich herschieben.

148 Mails sind mit dem Wissen von heute ein Wimpernschlag. Wer nur 148 elektronische Nachrichten checken muss, kann die Ärmel hochkrempeln und retten, was zu retten ist. Ich muss 698 Mails checken. Die letzte schrieb Birkenstock exklusiv an mich. Wenn ich mir Birkenstock-Sandalen bestelle, schenkt man mir zehn Prozent Rabatt als Gutschein und bis zu 70 Prozent Rabatt auf alles. Und das ist nur der Anfang, die Post an meine private Mailadresse. Die netteste Post bekomme ich über mein Dienstpostfach, und hier sind mir leider ein paar Briefe verlorengegangen, die ich gerne beantwortet hätte. Das bedaure ich. Ausgerechnet die Guten.

Gut laufen in meinem Postfach Ausrufezeichen und fett gedruckte Buchstaben. Zum Beispiel bieten mir Sophie und Ottfried fett gedruckt ihre Freundschaft an. Steht in der Mail von Facebook. Ich kenne weder Sophie noch Ottfried und schnuppere auf ihren Facebook-Profilen. Sophie lädt immer nur Fotos von sich selbst hoch, Ottfried ist Querdenker. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Freunde werden.

Außerdem wird meine Bestellung beim Wachtelshop bearbeitet und sofort versendet, worüber sich Kind 1 sehr freut. Er ist Neukunde dort, sein Geschäftsverkehr mit den Wachtelleuten läuft aber über mich.
Die nächste Mail kommt von einer Fast-Food-Kette: Durst auf eine Gratis-Coke, Manuela? Liebsten Dank, aber ich bleibe beim Wasser.

Eine meiner Lieblingsmails kommt von der Lotto-Gesellschaft: Manuela, 36 Millionen diesen Mittwoch! Wäre schon schön, aber Lotto liegt mir nicht. Eher die nächste Mail: Welcher Betrag darf es sein, Frau Müller? Man will mir etwas leihen und entscheidet sich, verbal eine Krawatte umzubinden, indem man mich förmlich mit „Frau Müller“ anspricht.

Der Optiker, bei dem ich mal eine Sonnenbrille bestellt hatte, fragt mich: „Warum eigentlich keine Gleitsichtbrille?“ Ich melde mich, sobald ich das weiß. Der Hit des Tages: „Ihr Friseurtermin wurde reserviert, liebe Frau Müller!“

Ich komme nicht mehr hinterher, alles zu öffnen. Ich habe das Gefühl, dass ich immer nur 148 Mails checken kann.

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