Dienst-Tag

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Ich bin kein Morgenmuffel. Im Gegenteil: Ich liebe den frühen Morgen, wenn der Tag noch unberührt daliegt und ihm alle Entwicklungsmöglichkeiten offenstehen. Ich mag besonders die Stille. Deshalb gehöre ich zu den Befürwortern eines späteren Schulbeginns, sagen wir neun Uhr.

"Was ist eigentlich Temperament?", fragt die Große morgens um sieben und macht in der Küche einen Handstand. "Temperament ist, wenn man morgens um sieben in der Küche einen Handstand macht", antworte ich und versuche, mich in Richtung Bad zu verdrücken. Doch meine Tochter meinte etwas anderes. Es folgt ein Fachvortrag über die Charaktereigenschaften von Vollblütern, Warmblütern und Kaltblütern. Diese Bezeichnungen - wer es nicht wusste - haben nichts mit der Körpertemperatur der Pferde zu tun, sondern eben mit ihrem Temperament. Unterdessen stelle ich mir zwei Fragen: 1. Warum haben wir das Kind nicht später geweckt und 2. Warum vergisst man immer im falschen Moment das Sieb für die Espressokanne, sodass das Wasser nicht nach oben steigt und sich das Kaffeepulver langsam in Asche verwandelt, ohne dass dabei ein einziger Schluck Kaffee herauskommt?

Egal. In der Redaktion gibt es schließlich auch Kaffee. Ich mache mich also auf zum Dienst. "Was ist Dienst?", wollte der Mittlere neulich wissen. "Dienst ist, wenn man arbeiten muss. Also, wenn man angestellt ist und dann arbeitet." Kurze Nachdenkpause. Dann: "Und wenn man zur Arbeit kommt und dort ist eine lange Schlange, dann hat man keinen Dienst!" Nachdem ich verstanden hatte, dass er meinte, ein Angestellter müsse sich anstellen, wenn die Schlange nicht zu lang ist, kam ich ins Grübeln. Warum gibt es vor meinem Arbeitsplatz keine solche Schlange? Und falls es sie doch mal gibt, sollte ich mich anstellen oder nicht? Und wenn ich dort nie wieder wegkomme, bin ich dann fest angestellt?

Der Sohn erklärte mir dann noch, dass man dienstags immer Dienst hat. Ich wiederum erklärte ihm, dass es ja nicht Dienst-Tag heißt. Dabei habe ich natürlich meinen Paul Maar gelesen. Mir ist schon klar, dass nur derjenige Chancen auf ein Sams hat, der am Dienstag fleißig Dienst tut. Aber ehrlich: Mein Samsbedarf hält sich in Grenzen. Wenn ich mir vorstelle, dass morgens in der Küche nicht nur Handstand gemacht wird, sondern auch noch jemand im Taucheranzug herumwatschelt und Türklinken aufisst, dann werde ich schlagartig zum Morgenmuffel.

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