Distanz ist, was der Kopf daraus macht

Marathontraining ist das Minimum an Bewegung, das der Mensch zum Gesundsein braucht. Sagt Sportmediziner Ralph Schomaker. Wenn dem so ist: was ist das Maximum? Triathlon? Ultramarathon? Ironman auf Hawaii? Frisch und rosig habe ich schon nach meinem "nur" 20 Kilometer langen Lauf am Wochenende nicht mehr ausgesehen. Den Weg von der Haustür bis zur Dusche bin ich mehr geschlurft als geschritten. Dabei zählt diese Distanz in der Marathonvorbereitung noch nicht mal zu den obligatorischen "LDL", den langen Dauerläufen. Von denen spricht man erst ab einer Streckenlänge von 25 bis 30 Kilometern.

Etwa sechs bis neun Mal soll man vor dem Marathon mindestens drei Stunden am Stück gelaufen sein. Nur so können sich Herz-Kreislaufsystem, Gelenke, Sehnen und Muskeln an die hohe Beanspruchung gewöhnen. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Einfluss derartiger Trainingsläufe auf die mentale Verfassung. Wer schon einmal mehrere Stunden bei sengender Sonne oder strömendem Regen durch den Wald getrabt ist, bekommt annähernd eine Ahnung davon, was ihn beim Marathon erwartet.

Vertraut machen kann man sich auch mit den Gefühlen, die einen auf den letzten Kilometern unweigerlich befallen: Frustration, Einsamkeit, Ungeduld, Wahnsinn, Verzweiflung, Wut, Entschlossenheit, Freiheit, Stolz.

Letztendlich stecken die 42 Kilometer nicht in den Beinen, sondern im Kopf. Damit dieser nicht gar so viele Trainingsdefizite ausgleichen muss, stehen im nächsten Monat zwei weitere Halbmarathons auf dem Programm, bevor ich mit den richtigen "LDL" starte.

Glücklicherweise muss ich bei den zuweilen langweiligen Läufen nicht einsam durch die Gegend trotten. Auch wenn ich am Samstag im Schnitt zehn Meter hinter meinen beiden Laufpartnern hergeschlichen bin - froh war ich trotzdem, dass ich die 20 Kilometer nicht allein laufen musste. Und hinterher ist es schön, jemanden zu haben, der meine Zipperlein teilt und mich versteht. Und der mir das schlechte Gewissen ausredet, wenn ich erschöpft aber glücklich im Kino sitze und im Schutz der Dunkelheit ein M&M nach dem anderen knabbere. Laut "Runtastic"-App habe ich immerhin 1200 Kalorien verbrannt.

Überhaupt: Mein Osterlauf war nicht der Gipfel, sondern nur der Fuß des Trainingsberges, der in den nächsten fünf Monaten vor mir liegt. Entmutigt oder beflügelt mich das? Mit dem Laufen anzufangen ist so einfach. Durchhalten gestaltet sich schon schwieriger. Aber, um wieder einmal die Lauflegende Emil "Lokomotive" Zátopek zu zitieren: "Wenn ein Mensch einmal trainiert, passiert nichts. Aber wenn dieser Mensch sich überwindet, ein und dieselbe Sache hundert- oder tausendmal zu machen, wird er sich nicht nur körperlich weiterentwickeln." Nun - wir hoffen das Beste.

 

Noch 169 Tage bis Tag X

Läufe: 3

Wochenkilometer: 35

Gemütslage: Unbeschwert

Fazit Woche 8: Kommt von Goethe - "Es wechselt Pein und Lust. Genieße, wenn du kannst, und leide, wenn du musst."

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