Ein Leser hat mich heute angerufen und meinte, er habe gerade im Internet gelesen, dass es in Polen zu einem Übergriff von Wölfen auf Menschen gekommen sei und dabei Kinder von den Raubtieren angefallen und schwer verletzt worden seien. Die Quelle seiner Information konnte er mir allerdings nicht nennen, sein Begründung: "Haben Sie eine Ahnung, mit welcher Geschwindigkeit ich mich durchs Netz bewege? Da bleibt kaum Zeit, sich auch noch die Seiten zu merken, geschweige denn sie mir sogar zu notieren." Übel genommen habe ich ihm das nicht, aber wissen wollte ich schon: "Und warum haben Sie jetzt bei mir angerufen?" Also hat er mich aufgeklärt: "Das ist doch wichtig, denn bei uns wieder doch auch gerade viel darüber geredet, wie man mit dem Wolf in Sachsen umgehen soll; und was in Polen passiert ist, kann doch hier genauso schnell mal der Fall sein." Ich habe mich, höflich wie immer, für das Gespräch gedankt und dem Mann mitgeteilt, dass ich meine Kollegen in der Redaktion über seinen Hinweis informieren werde; dann habe ich meine Liste "Internet - Segen oder Fluch?" aus dem Schreibtisch geholt und auf der rechten Seite einen weiteren Strich gemacht. Nur zur Information: Links gebt es auch Striche, aber es sind nur wenige.

Wenige Minuten später hatte ich dann ein nicht weniger (für meine alltägliche Arbeit) typisches Thema auf dem Tisch beziehungsweise in diesem Fall in der Leitung: "Ich habe Ihnen einen Leserbriefe zugeschickt, vor ungefähr sechs Wochen, und wollte nun mal fragen, warum Sie ihn nicht veröffentlicht haben", frage mich eine Frauenstimme. Wie immer bei solchen Anrufen sagte ich: "Bitte haben Sie ein paar Minuten Geduld, ich muss mir den Brief erst einmal raussuchen." Also schaute ich in meiner Datei nach, welche laufende Nummer die Mail bekommen hatte, um dann das Zimmer zu wechseln, mir den Ordner mit den nicht veröffentlichten Meinungen zu greifen und so lange zu blättern, bis ich das gesuchte Stück Papier gefunden habe. Etwa drei Minuten saß ich wieder an meinem Schreibtisch, setzte den Kopfhörer auf uns sagte: "Jetzt liegt er vor mir." Zunächst reagierte die Leserin mit Schweigen, dann hörte ich: "Und?" Während dieser Sekunde hatte ich, weil es in diesem Fall eindeutig war, sofort den Grund für die Nichtveröffentlichung erkannt und sagte: "Es geht Ihnen um die Asylproblematik, aber eine Meinung kann ich darin leider nicht erkennen; und die ist nun mal Voraussetzung dafür, um im Leserforum erscheinen zu können." Die Redaktion der Frau: "Das erklären Sie mir bitte schön mal." Das habe ich getan: "Ihr Text besteht aus insgesamt sieben aneinander gereihten Fragen, auf die Sie, wie sie selbst schreiben, gern eine Antwort hätten." Die Anruferin meinte: "Und? Das ist doch genau meine Meinung, weil mir niemand diese Fragen beantworten kann." Meine Erwiderung: "Und woher wissen Sie das, dass niemand über die nötigen Informationen verfügt? Haben Sie alle möglichen Quellen angezapft?" Ich kürze das mal ab, denn auch vier weitere Argumente von mir konnten die Anruferin nicht überzeugt, denn abschließend sagte sie: "Nie wieder werde ich einen Leserbrief schreiben." Dann habe ich meinen Ordner mit den Kurzinformationen für meine Memoiren geöffnet, das Verzeichnis "Vergebliche Liebesmüh" geöffnet und das Gespräch zuvor kurz zusammengefasst. Ob ich meinen Job immer noch mag? Mal mehr, mal ...

Ach ja, in dem Ordner mit den gesammelten Ideen für meine Lebenserinnerungen gibt es auch noch ein Verzeichnis, das ich "Helmut Schmidt" genannt habe, weil der ehemalige Bundeskanzler mal gesagt haben soll, dass zum Arzt gehen soll, wer eine Vision hat. Ich erwähne das nur, weil ich dort auch heute einen Eintrag gemacht habe, indem ich einen Leser zitiert habe: "Es ist erschreckend, dass Antisemitismus und Gewalt zunehmen. Abhilfe wäre eine gerechtere Welt, ohne Klassenunterschiede und Arbeit für alle, wobei Hartz IV abzuschaffen ist und  jeder eine bezahlbare Wohnung haben muss."

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