Durchschnittlich jeden zweiten Tag ruft mich ein Leser an, dem ich dies sagen könnte: "Sie sind ein Rassist." Ausgesprochen habe ich es allerdings noch nie, immer nur gedacht, weil ich mir zumindest diese Freiheit nehme, so auch heute um kurz nach elf, weil ich einen Mann zurückgerufen habe, der mir über das Servicecenter die Nachricht mit der Bitte um eine Rückruf hatte zukommen lassen, weil er den Artikel "Goldmünzenraub: Drei Haftstrafen und ein Freispruch" gelesen hatte und mit mir darüber sprechen wollte. Seine ersten Worte waren diese: "Ich verlange eine Gegendarstellung, sonst werde ich Anzeige erstatten." Vor Gericht gestanden und verurteilt worden waren Mitglieder einer polizeibekannten arabischstämmigen Großfamilie in Berlin. Die "Freie Presse" verklagen, wenn es keine Gegendarstellung gibt, will der Mann wegen dieses Satzes: "Auch wenn die Beute im Millionenwert bis heute fehlt, hat das Gericht aus den Indizien eine Beweiskettegefertigt, die nun zur Verurteilung der drei Deutschen führt." Der Mann in der Leitung meinte wörtlich: "Dass das Deutsche sind, ist ein Lüge. Nur weil jemand die deutsche Staatsangehörigkeit hat, ist er noch lange kein Deutscher." Ich habe dem Anrufer mitgeteilt, dass ich seine Ausführungen zur Kenntnis genommen habe und mich von ihm verabschiedet. Nur wenige Minuten später war dann, also noch bevor ich zur Schokolade greifen musste, die Welt für mich wieder in Ordnung, weil mir ein anderer Leser seine Meinung zu einem Artikel mitteilte und mir damit in jeder Beziehung einfach nur aus dem Herzen gesprochen hatte. Der Mann hatte die Titelgeschichte mit der Überschrift "Allrounder in Gottes Namen" auf der Beilage "Wochenende" gelesen und sich mit seiner Meinung zum aktuellen Zustand der evangelischen Landeskirche erst einmal Luft verschafft. Was mich begeistert hat, war dieser Satz: "Es stellt sich die Frage, ob denn Kirchenmusik in der Kirche überhaupt noch eine großes Rolle, neben der Wortverkündigung-Predigt, spielt." Und er fügte hinzu, was auch mein Credo ist, wobei ich keine Zwiesprache mit einer übergeordneten Instanz halte, sondern nur meinem Bauchgefühl ein Ventil für emotionale Eruptionen verschaffe, der Leser meinte nämlich: "Wer singt, betet doppelt."

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