Meine Randnotizen aus den Protokollen der Gespräche mit Lesern am Vormittag zum Wochenausklang sind heute ausnahmsweise einmal nicht in einzeln kurze Episoden unterteilt. weil es vielmehr eine Gemeinsamkeit gibt, die leicht ersichtlich sein dürfte, weshalb ich mich jetzt gar nicht länger mit einer Vorrede aufhalten möchte und zur Sache komme:

Seit Jahren schon bin ich ein mehr oder weniger aktives Teil einer politischen und gesellschaftlichen Verschwörung in unserem Land, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Verhältnis zu Russland und alle Kontakte mit diesem Land, seiner Regierung und seines Präsidenten in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen, um auf diese Weis maßgeblich dazu beizutragen, dass die USA ihre wirtschaftlichen und militärischen Pläne besser in die Tat umsetzen können. Dies habe ich heute mal wieder in aller Deutlichkeit zur Kenntnis nehmen dürfen, denn eine Leserin hat es mir minutenlang mit eher drastischen als um Verständnis werbenden Formulierungen um die Ohren gehauen. Das hat sie getan, nachdem sie heute auf der Seite "Kinder & Co" in der Beilage "Wochenende" den Artikel "Im Gedenken an Auschwitz" gelesen hatte, und dies war der Grund für ihre umfassende Kritik an unserem System: "Mal wieder typisch, kein Wort darüber, dass die Sowjetunion und die Rote Armee das Vernichtungslager der Nazis in Auschwitz befreit haben."

Seit Jahren schon bin ich ein mehr oder weniger aktives Teil einer politischen und gesellschaftlichen Verschwörung in unserem Land, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die deutsche Sprache dem Untergang zu weihen und die Zunahme von Anglizismen zu fördern mit dem Ziel, vor allem den älteren Menschen in unserem Land das Gefühl zu geben, sich dem Zeitgeist nicht widersetzen zu können und kapitulieren zu müssen. Dies habe ich heute mal wieder in aller Deutlichkeit erfahren können, denn eine Anruferin aus ihren weniger angenehmen Gefühlen kein Geheimnis gemacht, von denen sie heimgesucht worden war, nachdem sie heute in der Beilage "Wochenende" die Panoramaseite "Ein Freistaat feiert seine Blüte" gelesen, die einzelnen Veranstaltungsorte der Landesausstellung studiert und dabei festgestellt hatte, dass sechs Mal das englische Wort "boom" vorkommt. Sie meinte zu Beginn ihres Verbalausbruchs: "Noch ganz bei Trost? Ich fasse es nicht." Dass nicht meine Kollegen dafür verantwortlich sind, sondern die Ausstellungsmacher bei der Entscheidung für diese Titel, hat die Frau in der Leitung nicht interessiert.

Seit Jahren schon gehöre ich zu den Menschen, die sich den modernen Kommunikationsmitteln nicht vorbehaltlos ausliefern und beispielsweise in Panik geraten oder Schweißausbrüche bekommen, wenn sie mal das mobile Telefon mit Internetverbindung zu Hause vergessen und nicht mit ins Büro genommen haben, was vor allem auch bedeutet, dass ich während meiner Sprechstunde von zehn bis zwölf den Anschluss mit der Festnetznummer nicht auf mein Handy umleite und dies mitnehme, wenn es doch nicht zu verhindern ist, dass ich mal aufs Klo muss. Dass das heutzutage und vor allem in meiner Position mitunter eine unverzeihliche Sünde ist und Anlass für eine mögliche Beschwerde bei meinem Vorgesetzten sein kann, höre ich häufiger bei Gesprächen mit Lesern, denn bevor sie mir Anliegen schildern, weisen sie mich mit deutlichen Worten darauf hin, wie dieser Mann heute: "Ich habe gestern schon mal angerufen, Sie sind aber nicht rangegangen, dabei war es von höchster Dringlichkeit, was ich Ihnen mitteilen musste." Der Hinweis auf das stille Örtchen lag mir schon auf der Zunge, doch habe ich geschwiegen, was eine richtige Entscheidung war, denn der Anrufer teilte mir mit, dass gestern auf der Sportseite über den Tabellen der Handball-EM das Wort "Weltmeisterschaft" stand. "Vielen Dank für den Hinweis", habe ich also nur gesagt und noch gefragt, ob ich sonst noch etwas für ihn tun könne; konnte ich nicht, mein Glück.

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