Insgesamt elf Mal bin ich seit gestern um 10 Uhr (Stand 14 Uhr heute) mit einem dieser oder ähnlich formulierter Titel ausgezeichnet worden: Zentral- oder Verlautbarungsorgan der russischen Regierung, Organ der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, persönlicher Sprecher von Waldimir Putin oder Referent des russischen Propagandaministerium. Damit wollten die Leser ausnahmslos ihr Missfallen über die Auswahl der Meinungen unter der Überschrift "Nur gemeinsam mit Russland" auf der aktuellen Seite "Leserforum" zum Ausdruck bringen. Bei sieben Gesprächen hatte ich die Gelegenheit, die Leute in der Leitung zu fragen, ob sie denn auch meine Kolumne "Wenn es zwickt" gelesen haben, in der ich von meinem Dilemma berichte, dass ich ausnahmslos nur prorussische und keine die USA verteidigende Standpunkte erhalten hatte, und in sechs Fällen erhielt auch die Bestätigung dafür, dass die Anrufer sehr wohl meinen Hinweis zur Kenntnis genommen hatten. Der eine von diesen Lesern darf jetzt formulieren, warum sich trotzdem über diese Meinungen aufgeregt hat: "Solch einen Mist darf man einfach grundsätzlich nicht in die Zeitung setzen." In diesem Moment war mir klar, dass ich meinen Blog wieder aktivieren muss, weil ich sonst vermutlich zu viel bittere Schokolade essen muss, ohne die ich meine tägliche Sprechstunde manchmal einfach nicht durchstehe. Also: Hier bin ich wieder. Verschweigen möchte ich aber auch nicht, dass es drei weitere Gespräche gab, die mich veranlasst haben, mich hier zurückzumelden. Das erste:

"Ich lege wert auf inländische Waren und bin ziemlich verzweifelt: Warum finde ich in fast allen Märkten kaum mehr Gemüse aus Deutschland?" fragte mich der Mann in der Leitung und fragte weiter: "Wir importieren Gemüse aus Spanien, Italien, Niederlande und oft von noch weiter her: Wo finde ich die Produkte unserer Gemüsebauern?" Das sei doch mal ein Thema für die Zeitung, dass die Menschen wirklich interessieren dürfte. Ich wollte von dem Leser wissen, wo er wohnt. "In Chemnitz", antwortete er und hakte nach, warum ich das wissen will. Ich sagte: "Auf dem Wochenmarkt." 20 Sekunden später war die Unterhaltung dann beendet.

Bei diesem Gespräch muss ich um Nachsicht bitten, weil ich an meine sprachlichen beziehungsweise verbalen Grenzen stoße, denn ich kann die Frau, die mich angerufen hat, leider nicht zitieren. Denn sie hat ungefähr eine Minute lang geredet, wobei ich eigentlich nur verstanden habe, dass es um ein Krankenhaus geht, in dessen Notaufnahme jemand drei Stunden lang darauf gewartet hat, bis ein Arzt kam; um welche Krankheit oder welches Leiden es da ging, hat sie mir auch berichtet, doch das drang nicht bis in meine für die Wahrnehmung zuständigen Gehirnzellen vor, weshalb ich, während sie einmal eine Pause machte und tief Luft holte, meine Bitte formulierte: "Können Sie mir das vielleicht noch einmal in Hochdeutsch erzählen?" Ihre Erwiderung darauf begann mit diesen Worten: "Das ist doch wohl die ..." Die Telefonnummer meiner Kollegen im Erzgebirge wollte sie schon gar nicht mehr haben.

Gern hätte ich diese Leserin darauf hingewiesen, dass ich ein großer Fan von Commander Spock und seiner Überzeugung, dass nur wirklich ist, was logisch ist; oder so. Im Wortlaut:

"Ich möchte mich mal beschweren: Heute standen schon wieder keine Überflugzeiten der ISS in der Zeitung."

"Einen Augenblick bitte, ich frage mal den dafür zuständigen Fachredakteur, der sitzt im Nachbarzimmer."

Pause

24 Sekunden später

"Wir veröffentlichen diese Angaben nur, wenn die Raumstation auch am Nachthimmel zu sehen ist."

"Ach so."

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