Elefantenrunde

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Der Mittlere möchte wissen, wo der Papa ist. „Er ist zur Wahl gegangen“, sage ich. „Was ist eine Wahl?“ Ich erkläre: „Da entscheidet man, wer unser Land regiert.“ Darauf mein Sohn: „Hoffentlich der Papa.“ Dazu äußere ich mich nicht. Denn bei uns gilt der Grundsatz der geheimen Wahl.

In unserem Land hapert es mit der politischen Bildung. Wobei die Kinder die Grundsätze unseres politischen Systems schon besser als die Erwachsenen beherrschen. Zum Beispiel verstehen sie es, wechselnde Koalitionen zu bilden. Je nachdem, wer gerade mit dem Feuerwehrauto spielen/seine Ruhe haben/schlecht gelaunt sein will. Da diese Koalitionen nie lange halten, haben wir uns für eine Minderheitsregierung entschieden, bestehend aus den Eltern. Natürlich ist die schwankend und unzulänglich. Aber sie ist die einzige Regierung, die unter den gegenwärtigen Mehrheitsverhältnissen geht.

Trotzdem müssen wir Eltern jederzeit ein destruktives Misstrauensvotum fürchten. Fruchtriegel oder Eis? Fernsehen gucken oder aufräumen? Immer steht es 3:2. Und dann muss man den Kindern mühevoll erklären, dass Demokratie nicht die Diktatur der Mehrheit ist. Was ja sogar viele Erwachsene nicht wirklich verstehen. Oder man sagt einfach: „Es gibt jetzt kein Eis, basta!“ Aber das ist ja auch irgendwie von gestern.

Vielleicht funktioniert Demokratie in der Familie auch nicht so richtig. Jedenfalls nicht, wenn es Streit gibt. Ich hatte mal in Politikwissenschaft einen Professor, der sagte: „Es geht nie um die Sache.“ Jetzt weiß ich nicht mehr, ob er die Konfrontation der Großmächte meinte oder den Streit unter Geschwistern. Warum muss man jeden Abend darüber streiten, wer beim Vorlesen auf meinem rechten Bein sitzen darf? Obwohl ich doch offensichtlich zwei Beine habe, die sich in ihrer Eignung als Sitzgelegenheit nicht unterscheiden?

Wahrscheinlich werden meine Kinder mal Politiker. Der Kleine übt schon für den Abend nach einer verlorenen Wahl. „Ich bin der Erste von den Jungs!“, ruft er vor dem Schlafengehen. Dabei ist ersichtlich, dass sein Bruder schon im Schlafanzug steckt und er nicht. So ist es doch oft nach Wahlen: Alle halten sich für den Sieger.

Und dann kommt die Elefantenrunde. So klingt es jedenfalls, wenn unsere Kinder durch den Flur in Richtung Schlafzimmer trampeln. Demokratie ist eben manchmal eine schwerfällige Sache.

Weitere Blog-Einträge