Der Weg bis zur Erkenntnis beginnt mit dem Staunen. Das hat mir vor Jahrzenten während meiner Schulzeit mein Philosophielehrer mit auf den Weg gegeben. Er meinte: Nur wer staunen kann, ist offen für das, was sein Leben bereichert. Daran denke ich oft zwischen zehn und zwölf, wenn ich mich mit Lesern am Telefon unterhalte und mich frage, nachdem ich mich verabschiedet und aufgelegt habe, was genau die Frau oder der Mann in der Leitung mir damit eigentlich sagen wollte. Zwei Beispiele von heute:

Durchschnittlich nach jedem fünften Gespräch mit Lesern frage ich mich beispielsweise dies: Warum bin ich jetzt darüber informiert worden, obwohl der Anrufer ganz sicher weiß, dass dies kein Thema ist, das meine Kollegen in der Redaktion aufgreifen und darüber schreiben können? Dieser Hinweis von heute macht deutlich, was ich meine: Der Mann steht gegen 23.30 Uhr im Hauptbahnhof in Leipzig an einem Bahnsteig und will in den Zug einsteigen, als er zuerst die Anzeige sieht, dass dieser Zug hier endet und niemand einsteigen soll, was dann über die Lautsprecheransage noch einmal bestätigt wird. Er ist verwundert und wartet, denn dies ist die letzte Möglichkeit, noch in dieser Nacht nach Chemnitz zu kommen. Die Wagen sind erleuchtet, also steigt er vorsichtshalber doch einfach mal ein, im schlimmsten Fall, denkt er sich, wird er auf ein Abstellgleis gebracht. Doch dann passiert dies: Ein Pfiff, die Türen schließen sich, und der Zug fährt pünktlich ab. "Wäre ich nicht eingestiegen, hätte ich sechs Stunden auf den nächsten Zug nach Chemnitz warten müssen", erklärte er mir. Das war seine Geschichte, er hat sie mir einfach nur mitteilen wollen.

Und dann gibt es auch noch die Leser, die mich lediglich nur auf dem Laufenden halten wollen, damit ich auch wirklich alles erfahre, was wichtig ist, um mir eine eigene Meinung zu aktuellen Themen bilden zu können. Ein Anrufer hat mir deshalb dies empfohlen: "Lesen Sie sich den Artikel einmal genau durch, und dann diskutieren wir beide noch einmal über das Problem, dass es in Sachsen zu wenig Polizisten gibt und die Beamten deshalb viele Überstunden leisten müssen, was sie dann wohl oft genug an ihre mentalen und körperlichen Grenzen bringt." Obwohl ich ausdrücklich noch nachgefragt habe, musste ich wohl oder übel damit leben, dass der Mann nicht weiter mit mir darüber reden wollte. Nun meine Frage: "Eigenwilliger Kater sorgt für Wirbel" war der Artikel, um den es ging, und was soll das mit dem Personalmangel bei der Polizei in Sachsen zu tun haben?

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