Ich saß mal am Esstisch von Martin Dulig. Sie wissen, unser kinderreicher Wirtschaftsminister. Als er noch kein Minister war und einer werden wollte, reiste er im Wahlkampf mit seinem alten Ikea-Esstisch durch die Gegend, den seine sechs Kinder mit Gabeln misshandelt hatten. Überall Schrammen.

Der lächelnde Herr Dulig stellte seinen Tisch auf die Marktplätze und hielt hier und da ein Schwätzchen mit den Leutchen. Die wiederum sahen den verwundeten Tisch und ahnten erleichtert, dass Politikerkinder auch nicht gescheitelt auf die Welt kommen. Ich ahnte es schon vorher. Dass es bei Leuten mit großen Namen genauso zugeht wie bei Leuten, die Müller heißen:

Sitze gerade am Esstisch, Kind 1 und Kind 2 sitzen links und rechts von mir.

"Ich will nicht lernen!" jault Kind 1 und schiebt sein Heft weg.

"Aber du schreibst morgen eine Mathearbeit!" jaule ich zurück.

"Egal!"

"Nein, nicht egal! 64:8?"

"Krieg ich was Süßes?" bettelt Kind 2 dazwischen, das schon eine halbe Seite mit Oma, Opa, Mimi, Mia und Pia vollgeschrieben hat. In schönster Schönschrift, besser als ich es kann. Das Mädchen hat das Heft dabei auf den Kopf gedreht. Es sei viel lustiger, verkehrt herum zu schreiben.

"Dreh das zurück. Das ist Mist, was du da machst", sage ich.

Kind 2: "Erst, wenn ich was ganz kleines Süßes kriege."

"Denk doch nicht immer an Süßigkeiten", seufze ich und frage Kind 1 erneut, was 64:8 macht.

"Mir egal!" sagt der Junge und klopft herzhaft auf den verbeulten Tisch, dem er als Kleinkind mit der Bärchen-Gabel zugesetzt hatte.

Nehmen wir an, wir wären nicht die Müllers, sondern die Trumps. Der Sohn sitzt im weißen Ralph-Lauren-Polo mit aufgestelltem Kragen am Esstisch und malt Fensterbilder mit diesen gummiartigen Farbtuben, die es zu kaufen gibt. Er will ein Herzchen für seinen Vater malen. Aber die rote Farbe klumpt und spritzt auf den Tisch aus teuerster Spessarteiche. Vor Wut nimmt der Sohn die rosige Gesichtsfarbe seines Vaters an und brüllt. Der Vater trumpelt herbei, die Mutter trumpelt herbei. „Komm, lass das kurz liegen, lass uns Mathe üben“, tröstet der Vater. Er hat vorhin bereits erfolglos versucht, den Sohn mit Schulkram zu begeistern, und davor auch:

"Wie viele Ecken hat ein Würfel?"

"Mir egal!"

Wahlweise stelle ich mir vor, wie Donald Trump als kleiner Junge am Esstisch sitzt und "Mimi" schreibt.

"Krieg ich was Süßes?" bettelt Kind 4, denn er war ja Kind 4. Weil seine kinderreiche Mutter müde vom vielen Diskutieren ist, bekommt der kleine Donald, was er will.

Was ist die Moral von der Geschichte? Keine Ahnung, ehrlich. Aber Kind 2 bekommt jetzt auf keinen Fall Süßigkeiten.

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