Kind 1 hat ein sehr gutes Immunsystem. Hin und wieder bringt der Junge einen Schnupfen mit, aber gegen das Fußballfieber war er bisher resistent. Er hüpfte durch seine Kindheit, ohne jemals das Verlangen zu spüren, sich mit 21 Kameraden um einen Ball zu streiten. Aus egoistischen Gründen finde ich das sehr gut. So muss ich sonntags um acht nämlich niemanden zum Sportplatz fahren und mich warmzittern. Ich kann in Ruhe neben der Heizung sitzen und frühstücken. Ich muss auch keine Väter ertragen, die am Spielfeld stehen und durch Dauerbrüllen weinrot anlaufen. Und auch keine Fußballkinder-Mütter. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Fußball. Ich finde Fußballer schön. Aber ich finde auch Schweine schön und bin trotzdem kein Bauer. Das Leben schenkt uns so viele Möglichkeiten, unser tägliches Aktivitätsziel zu erreichen, dass nicht alle dasselbe Hobby haben müssen.

Und dann kam der Tag, an dem Kind 1 mit seinem Onkel und seinem Cousin ins Fußballstadion ging. Sie hatten Karten für RB Leipzig. Ich gab ihnen ein Kind mit, das eigentlich nur eine Stadionwurst essen wollte. Zurück bekam ich einen Jungen mit Ketchupflecken auf der Jacke und mit vielen Kreuzchen im Fanartikel-Prospekt. Die großen und kleinen Männer hockten sich danach vor die Spielkonsole des Cousins und spielten Fifa. Kind 1 zum ersten Mal in seinem Leben. Bei Fifa kann der lahmste Hund auf dem Sofa hocken und so tun, als wäre er Ronaldo. Die Fifa-Programmierer haben alle echten Spieler und alle echten Mannschaften verwurstelt.

Zwei Tage später besaß Kind 1 ein eigenes Fifa-Spiel. Das läuft über unseren Fernseher, weil der Fernsehbildschirm größer ist als der Monitor seiner Konsole. Der Junge klebt davor, als hätte er Saugnäpfe. Gefällt mir nicht. Er sollte lieber seine Schulsachen machen und sich die Zeit nicht von einem Computerspiel wegfressen lassen. „Mach Schulzeug“, sagte ich. „Mach ich doch“, antwortete mein Sohn und bat mich um meine Aufmerksamkeit.

Dann stellte er mir sein selbst kreiertes Team des FC Bayern München vor. Im Sturm: die Deutschlehrerin. Im Mittelfeld mit einem langen, blauen Zopf: die Mathelehrerin. Links außen: der Hausmeister. Die Mathelehrerin ist Mannschaftskapitän, aber ihr Spiel läuft alles andere als optimal, sagt Buschi, der Kommentator. Gerade hat sie dem Religionslehrer eine Blutgrätsche verletzt, denn der spielt beim Gegner für Liverpool. „Warum ist dein Religionslehrer bei Liverpool?“, fragte ich. „Den hab ich verkauft“, sagte Kind 1.

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