Der schönste Fußballer ist der Schweinsteiger, sagt Kind 2. Das ist ein kleines Mädchen, das Karten mit Prinzessinnen sammelt und für die Fußballer auf den Sammelbildchen des Bruders dieselben Maßstäbe ansetzt wie für Prinzessinnen: Wie kleidet ihn das Leibchen? Sitzt die Frisur? Sieht er lieb aus? Schöne Augen? Die Mädchen-Skala halt. Da rastet der große Bruder gerne mal aus: "Das geht nicht nach schön, das geht nach gut! Kapierst du das?"

Leute wie Kind 2 stecken gerade in harten Zeiten. Sie finden Fußball von Herzen doof, haben aber nicht die Möglichkeit, sich während der Europameisterschaft für vier Wochen einfrieren zu lassen. Also gibt Kind 1 alles, um seine Schwester auf den Geschmack zu bringen. Sie darf ihm in erster Linie dabei helfen, EM-Schokolade zu essen. Liebe Süßwaren- und Genussmittelmafia, du hast ein leichtes Spiel mit dem Nachwuchs dieser Familie! Das ist die Branche, die in Super-Fußballjahren wie diesem kleine, manipulierbare Kinder von der Straße wegfängt und in sammelnde Zucker-Junkies verwandelt.

Kinder sammeln nicht nur diese Panini-Bildchen mit Fußballern drauf. In den Supermärkten wimmelt es vor Fress-Kram speziell für den EM-Knabberspaß mit Gewinnspielen auf der Verpackung, die so gehen: Wer binnen weniger Wochen den meisten Süßkram in sich stopfen kann, hat Aussicht auf ein kleines Geschenk von minderwertiger Qualität. Willkommen bei den inoffiziellen Fressmeisterschaften!

Bei Kind 1 und Kind 2 gelingt das mit großem Erfolg. Kind 1 nimmt an der Meisterschaft teil, Kind 2 isst appetitvoll mit. Der Blutzuckerspiegel dieser Familie ist auf einem bedenklich hohen Niveau. Bei dem achtjährigen Bruder dürfte das Blut bereits marmeladenmäßig geliert sein, denn er tauscht sein Taschengeld gegen Schokolade.

Der Junge will sich durch übermäßigen Süßwarenverzehr einen Fußball mit Spieler-Unterschriften ernaschen. Dass er bei erfolgreicher Gewinnspiel-Teilnahme nicht mehr dazu in der Lage sein wird, den Ball zu bedienen, ist ihm leider nicht klar. Ihm droht gemeinsam mit der kleinen Schwester der kollektive Zuckerschock.

Mich macht Fußball leider nur fett. Kind 1 und Kind 2 lieben es, zu den Deutschland-Spielen zwischen den Eltern auf dem Sofa zu sitzen, auf dem Schoß das Schüsselchen mit Gewinnspiel-Naschkram. Und ich liebe es auch. Dadurch ist meine Zuckersucht wieder ausgebrochen, die ich bezwungen glaubte. Mein Mann mäkelt. Vor allem von hinten erinnere ich ihn an einen wandelnden Erdnussflip, sagt er. Das Angebot meines Mannes, den Fußball für Kind 1 zu kaufen, kommt für meinen Körper zu spät. Ich bin sehr verzweifelt. Bitte schicken Sie mir altes Schokoladenpapier mit Sammelpunkten, sonst platze ich.

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