Formverlust

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Wäre ich ein Mann, dann wäre ich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Sitzsack. Das liegt daran, dass Corona mich träge gemacht hat. Ich habe keine Lust, durch die Gegend zu laufen, weil ich keine Lust darauf habe, mir das nervtötende Virus mit den vielen roten Zipfelchen einzufangen. Ich möchte in keiner Statistik auftauchen, ich möchte schlicht und ergreifend, dass dieser Albtraum schnell zu Ende ist. Deshalb Sitzsack. Ein Körper, der um seine Bewegung betrogen wird.

Ich sitze dermaßen brav in meinem Homeoffice, dass ich breitzulaufen drohe wie eine Eiskugel auf sommerheißem Asphalt. Erschwerend hinzu kommen die Nadelstiche des Alltags: Kind 2 schickt mir aus dem Kinderzimmer per WhatsApp ein Foto von sich und ihrer Freundin – alles regelkonform, man darf ja eine Freundin treffen. Beide Mädchen haben ihren großen Zeh im Mund und formen mir das Victory-Zeichen aus Zeigefinger und Mittelfinger. Das Bild lässt mir keine Ruhe, weil ich dieses Spiel aus meiner Kindheit kenne. Ab und zu machten auch wir damals die Zeh-in-den-Mund-Probe und schauten, ob noch alles in Ordnung ist. Deshalb setzte ich mich auf den Boden, griff nach meinem Fuß und sah Folgendes: Es geht nicht mehr. Eine Nasenspitzenlänge fehlt. Mindestens. Das ist genauso deprimierend wie die Tatsache, dass der Hüftaufschwung an der Reckstange mit meinem Körper auch nicht mehr möglich ist, ohne das ihn jemand anschiebt.

Weil ich für einen Corona-Body zu eitel bin, habe ich mir eine Uhr zugelegt, die meinen Zustand überwacht. Sie zählt alles, was man zählen kann als moderne Uhr. Schritte, Pulsschläge, Kalorienverbrauch, Stresslevel. Daraus schlussfolgert sie, ob mein Zustand überragend ist oder unproduktiv. Im Moment: astreine Unproduktivität. Was macht man dagegen? Ich renne. Jeden Tag eine schnelle Runde, um die Uhr zu begeistern. Ich rolle. Vor und zurück mit den Gliedmaßen über eine Hartschaumrolle. Das tut verdammt weh, soll aber die Muskelfasern glatt ziehen und so weiter. Trotzdem ist meine Uhr unzufrieden und protokolliert einen gewissen Verfall. Meine Leistungskurve kennt nur eine Richtung: nach unten. Ich werde ihren Erwartungen nicht gerecht. Sie sagt mir mittags, dass ich mein Schrittziel voraussichtlich nicht erreichen werde, schade. Deshalb renne ich los. Und sie sagt: Das war leider schwerer als erwartet, schade. Ich bin so frustriert, dass ich in den Supermarkt fahre und mir Schokolade und Sekt kaufe. Glückwunsch, sagt die Uhr, Höchstform!

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