Amerika? Die USA? Das ist doch dieses Land hinter dem Mond, dessen Bewohner immer nur Burger mit Pommes essen, vor der Glotze sitzen und einen Berserker zum Präsidenten gewählt haben. Das ist eigentlich alles, was man darüber wissen muss. Oder? Hier vier persönliche Reiseerinnerungen.
Situation eins: Mein Mann und ich sitzen mit zwei großen Rucksäcken, einer Reisetasche und einem bepackten Kinderwagen samt Baby in einer Vorortbahn. Am Umsteigebahnhof trägt eine Frau meinen Rucksack bis zum übernächsten Bahngleis.

Situation zwei: Ich sitze in der U-Bahn, halte mit einer Hand das Baby auf dem Schoß und versuche, mit der anderen die volle Trinkflasche zuzudrehen. Sofort springt eine Frau auf und hilft mir.

Situation drei: Ich schiebe das glucksende Baby im Einkaufswagen durch den Supermarkt. Eine Frau spricht mich an: „Ihr Kind hat mich angestrahlt. Danke, dass Sie das mit mir geteilt haben. Sie haben meinen Tag gerettet!“

Situation vier: Wir steigen an einem großen Bahnhof aus und müssen schnell zu einem weit entfernten Gleis. Mein Mann hat sich den Fuß verletzt und kann kaum laufen. Ich trage einen Tramper-Rucksack vorne und einen hinten und schiebe rennend den Kinderwagen. Manche Leute gucken komisch. Niemand hilft.

Und nun das Ratespiel: Drei dieser Situationen erlebten wir in den USA, eine in Deutschland. Na? Richtig geraten. Als unsere Große ein Baby war, reisten wir zehn Wochen lang mit ihr durch die USA. Überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Manchmal war es anstrengend, selten war es stressig, nie war es gefährlich. Immer wieder schienen die Amerikaner früher als wir zu wissen, wie man uns gerade helfen konnte. Wir buchten Zimmer bei Privatleuten, die das gelegentliche Weinen ertrugen und uns manchmal sogar zum Bahnhof fuhren. Daran denke ich oft, wenn Leute über Amerika schimpfen, ohne es zu kennen.

Nein, ich trage keine rosarote Brille. Als 16-Jährige war ich ein Jahr lang Austauschschülerin bei einer Gastfamilie in Texas. Seitdem weiß ich zwei Dinge. Erstens: Ich bin froh, dass meine Kinder in Europa aufwachsen, wo sie sich frei bewegen können, ohne Angst vor Schusswaffen, und wo die Religion nicht das öffentliche Leben bestimmt. Zweitens: Freundlichkeit und Höflichkeit kann man gar nicht hoch genug schätzen. Unabhängig von weltanschaulichen Fragen. Anders gesagt: Man sollte eine Nation nicht nach ihren Essgewohnheiten beurteilen. So, und jetzt leg ich mir mal einen Burger in die Mikrowelle.

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