Ausschlaggebend dafür, dass ich heute (nach meinem Kurzurlaub) meinen Blog wieder aktiviere, war diese Begegnung der besonderen Art: Um kurz nach eins war ich an der Zentralhaltestelle in Chemnitz unterwegs, als sich mir eine Frau (eindeutig im Rentenalter) in den Weg stellte und mich nur ansah; einfach vorbeigehen wollte ich nicht, weil sie offenbar etwas von mir wollte, und dass mich Leute wegen meiner Tätigkeit bei der Zeitung ansprechen, kommt ab und zu doch schon mal vor. Nach (gefühlten) fünf Sekunden sagte die Dame: "Ich wollte Sie nur mal anschauen." Weil ich dazu nichts sagte, denn das Risiko, in ein Fettnäpfchen zu treten, wollte ich nicht eingehen, sagte ich nichts. Denn hörte ich den Satz, der mich ebenso sprachlos wie (tatsächlich) wütend machte: "Denn sonst habe ich den Eindruck, dass ich mich in Kairo befinde und nicht in Chemnitz. Sie sind Deutscher, das sieht man." Ich habe nichts gesagt, mich umgedreht und bin (entgegen meiner Zielrichtung) gegangen.

Wesentlich gelassener habe ich dagegen die Meinungsäußerungen von Lesern zu den Berichten "Dieses nicht gegebene Tor fehlte Aue" und "Schiedsrichter verschaukelt starke Auer" über mich ergehen lassen, weil ich allen Anrufern gleich zu Beginn gesagt habe, dass ich mich leider nicht auf eine Diskussion einlassen und nur zuhören kann, weil ich nun mal von Fußball so gut wie gar nichts verstehe und immer darauf verweise, dass ich die Leute in der Leitung gern mit den Kollegen im Ressort Sport verbinde, was ausnahmslos alle aber ablehnten. Ein Mann sagte: "Sie hören mir jetzt mal  zu, das reicht mir, und was Sie damit machen, ist mir eigentlich egal." Dass es bei allen Unterhaltung um die Entscheidungen beziehungsweise die Leistung des Schiedsrichters geht, verwundert nicht wirklich, weshalb ich mir Zitate von Unmutsbekundungen und für diese Tätigkeit wenig schmeichelhaften Formulierungen ganz gut sparen kann. Eines aber hat meine Aufmerksamkeit erregt, weil es bei drei Gesprächen mehr oder weniger deutlich ausgesprochen wurde. Ich habe vorsichtshalber schon mal in meinem Ordner V-Theorie eine entsprechende Notiz abgelegt mit der Absicht, irgendwann bei dem Verfassen meiner Memoiren damit dieses Kapitel mit zusätzlichem Stoff zu versorgen. Also, drei Leser waren dieser Meinung: Gerade am Beispiel von Erzgebirge Aue (aktuell und auch in der Vergangenheit) wird deutlich, dass es beim Deutschen Fußball-Bund und beim Liga-Fußballverband eine (geheime) Anweisung für die in den drei Profiligen zum Einsatz kommenden Schiedsrichter gibt, bei Spielen mit Ost- gegen Westvereinen mit entsprechenden Entscheidungen dafür zu sorgen, dass die Clubs aus den neuen Ländern verlieren, damit das Kräfteverhältnis im deutschen Fußball gewahrt bleibt und auch die Mannschaften aus Sachsen (bis auf RB Leipzig) nicht mal den Hauch einer Chance haben, irgendwann in der ersten Liga zu spielen. Diese Theorie habe ich einem Kollegen im Sport vorgetragen, er meinte: "Kenne ich, besorg mir einen Kronzeugen, und ich schreibe die Geschichte."

Auch bei zwei weiteren Unterhaltungen mit Lesern ging es (eigentlich) um Fußball, doch hier habe ich (im Gegensatz zu oben) eindeutig Stellung bezogen, weil mich die beiden Anrufer danach gefragt haben. Gemeldet hatten sie sich bei mir, nachdem sie den Bericht "Ein Eigentor von Özil und Gündogan?" auf der Seite "Kommentar & Hintergrund" gelesen hatten. Beide sprachen sich dafür aus, dass die beiden Fußballer, wenn sie denn zu dem Foto mit Erdogan stehen und es sogar verteidigen, nicht mehr für Deutschland in der Nationalmannschaft auflaufen dürften. Bei beiden Gesprächen kamen wir an den Punkt, an dem auch ich die Frage beantworten wollte: Dürfen Leistungssportler und speziell die Mitglieder von Nationalteams ihre politische Meinung öffentlich kundtun oder sogar Partei ergreifen? Ich meine: Jeder Mensch (also auch Profifußballer mit einem Migrationshintergrund) muss aus seiner politischen Überzeugung keine Geheimnis machen und darf sich dazu so äußern, dass es alle Welt erfährt; nur er muss dann akzeptieren und es auch ertragen, dass die Öffentlichkeit auch nicht schweigt, und die Zahl derer, die mit deutlichen Worten zum Ausdruck bringen, was sie davon halte, wirklich groß ist. Nur würde ich niemals fordern, dass dieses Verhalten auch sportliche Konsequenzen für die beiden Fußballer hat und sie aus der Nationalmannschaft verbannt werden. Die Meinungsfreiheit ist meiner Ansicht nach ein höheres Gut.

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