Nach exakt acht Jahren als Leserobmann darf ich diesen Terminus verwenden: Traditionell berichte ich in dem ersten Blogeintrag nach einer längeren (Sommer-) Pause von dem ersten Gespräch, dass ich an diesem Morgen mit einem Leser geführt habe. Diesmal war es eine Frau, die sich mit Namen, Lesernummer und dem Zusatz " schon weit in den Achtzigern" vorgestellt hatte, die mir ihr Leid klagte, nachdem sie in der vergangenen Woche auf der Titelseite der "Freien Presse" den Artikel "Jeder dritte Schulanfänger hat Probleme beim Sprechen" gelesen und darin unter anderem erfahren hatte, dass weniger als ein Fünftel aller Schulanfänger in Sachsen altersgerecht entwickelt ist.

Bevor sie jedoch ihr Anliegen formulierte und es mehr oder weniger deutlich auf den Punkt brachte, erzählte sie mir, dass sie selbst vier Kinder hat (und mittlerweile sieben Enkelkinder und schon bald ein Urenkel) und welche Regeln sie damals in den Sechzigern bei der Erziehung des Nachwuchses befolgt hat. Eine lautete: "So viel wie möglich und bei sich jeder bietenden Gelegenheit bereits ab den Säuglingsalter mit den Kleinen reden." Damals jedenfalls hätten die Kinder überhaupt keine Probleme gehabt, ihr Sprachvermögen zu entwickeln, und bei den Einschulungen seien auch so gut wie keine Defizite beispielsweise beim Wortschatz oder dem Formulieren von ganz Sätzen aufgetreten. Dann endlich war sie soweit, dass sie mir die Wurzel allen Übels, das für die heutigen Zustand verantwortlich zu machen sein, nennen konnte: "Es ist der Schnuller." Weil ich natürlich wissen sollte, wie das zu verstehen sei, erklärte sie mir ihre Erkenntnis näher: Statt mit den Steppkes zu sprechen, würden viel Mütter ihnen heutzutage einfach einen Schnuller in den Mund stecken, damit sie selbst ihre Ruhe haben und sich mit anderen Dingen beschäftigen können. Bei diesem Beispiel redete sich die Frau tatsächlich in so etwas wie Rage: "Was meine Sie, wie oft ich bei uns hier im Park eine Mutter sehe, die ihren Kinderwagen vor sich herschiebt, dabei aber ununterbrochen auf ihr Telefon starrt, während das Kind mit einem Schnuller im Mund sich selbst überlassen ist." Dazu passend mein Erlebnis vom Wochenende: Ich fahre auf einem (der wenigen) Radwege im Landkreis Mittelsachsen mit meinem Rennrad (34 km/h schnell), als ich in einer Entfernung von etwa 500 Metern einen mir entgegen kommenden Radfahrer sehe. Als er noch etwa 100 Meter weit weg war, sah ich einen jungen Mann, der auf sein Smartphone starrte und starrte und starrte und starrte ... Wäre ich nicht auf den Grünstreifen ausgewichen, wäre es zur Kollision gekommen; ob der Kerl dann in den Graben gefahren ist, weiß ich nicht, denn umgedreht habe ich mich nicht mehr.

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