Über Geschmack lässt sich nicht streiten, sagt der Volksmund. Wirklich nicht? Ich möchte den Volksmund mal zu uns einladen. Zur abendlichen Debatte darüber, was die Große (5) am nächsten Tag anzieht. Natürlich könnte ich einfach sagen, das ist ihre Sache. Kann ich aber nicht. Muss wohl an dem zweiten X-Chromosom liegen. Die meisten Väter, die ich kenne, sehen das lockerer.

So aber gilt es, einen Klamottenkompromiss zu finden. Doch meine Kriterien für eine gute Kleiderwahl (dem Wetter angemessen, richtige Größe, einigermaßen sauber) bilden absolut keine Schnittmenge mit den Kriterien des Kindes (lila, rosa, Glitzer). Meistens werden wir uns aber einig. Dabei hilft die Stimme in meinem Kopf. Wenn ich mal wieder heimlich einen Lieblingspullover entsorgen will, bevor er sich aus Altersgründen in Wohlgefallen auflöst, oder das Anna-und-Elsa-T-Shirt ganz unten im Schrank verstecke, ruft die Stimme: "Achtung, Geschmackspolizei!" Und dann schäme ich mich. Die Geschmackspolizei will ich nicht sein. Und auch keine tyrannische Mutter, die ihrem Kind den eigenen Geschmack aufzwingt.

Interessanterweise scheint dem Kind aber meine Meinung wichtig zu sein. "Welchen Ring findest du schöner?", fragt sie und hält mir zwei genau gleich hässliche Plastik-Ringe von "Hello Kitty" vor die Nase. Ich hasse dieses Hallo-Kätzchen. Doch meine ehrliche Antwort, „Ich finde beide nicht besonders schön“, akzeptiert die Tochter nicht. Denn das beantwortet ja ihre Frage nicht. Und die Stimme im Kopf tadelt mich.

Neulich meldete sich die Stimme sogar in der Kinderbibliothek. Zielstrebig hatte das Mädchen das Regal mit "Büchern zum Film" angesteuert und nach einer Geschichte von knallpinken Elfen und Einhörnern gegriffen. Die sahen aus, als wären sie einem drittklassigen Computerspiel entflohen. "So einen Schrott leihe ich nicht aus", sagte meine echte Stimme, wurde aber unterbrochen. "Achtung, Geschmackspolizei!", rief die Stimme im Kopf und schimpfte: "Deine Tochter wollte unbedingt in die Bücherei und freut sich über ein Buch! Sei froh und verdirb ihr nicht den Spaß!" Abends las ich also das Elfenbuch vor. Allerdings nur, um die Stimme im Kopf zu übertönen, die mich daran erinnerte, wie mir meine Oma manchmal die Nägel rosa lackierte, als ich drei war und wie toll ich das fand. Ich betrachtete meine eigenen Fingernägel. Bisschen Lack würde ja nicht schaden, dachte ich. Vielleicht pink. Ob's den auch mit Glitzer gibt?

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