Kind 1 würde lieber tot umfallen als Bücher lesen. Das ist widerliche Zeitverschwendung, sagt der Junge. Aus Papier könne man nette kleine Flieger falten. Aber das hübsche Papier mit kleinen Buchstaben zu bedrucken, das sei oldschool. Und sich mit diesen Büchern hinzusetzen und Seite für Seite anzustarren, das hält er für Alte-Leute-Kram.

Er werde frühestens mit sechsundneunzig probieren, ein Buch zu lesen. Also wenn seine Reaktionsfähigkeit so hinüber ist, dass er bei Super-Mario-Kart ständig gegen den Baum fährt und von seinen Kumpels überrundet wird. Mario-Kart ist das Autorennen, das er gerne auf seiner Dattelmaschine spielt. Darf er aber nur dienstags von 17.32 Uhr bis 17.35 Uhr und an indonesischen Feiertagen, weil Dattelmaschinen widerliche Zeitverschwendung sind. Sage ich. Und das zählt, weil ich für die Aufzucht dieses kleinen Menschleins zuständig bin.

Da passierte es, dass der Junge vorübergehend sechsundneunzigeinhalb war. Er lag mit Grippe auf dem Sofa, trank Hühnerbrühe und ließ sich hin und wieder zur Toilette tragen. Seine letzten Krümel Kraft in den dünnen Ärmchen reichten kaum, um unseren Dackel zu kraulen, der neben ihm ruhte. „Schenk mir ein Buch“, flehte Kind 1. Jetzt sei dieser spezielle Moment in seinem Leben gekommen. Alles, was du willst, sagte ich. Kind 1 bat mich um das Buch von Greg. Das ist dieser Schuljunge, dessen Tagebücher es mittlerweile bis in den Supermarkt neben die Gummibärchen geschafft haben. Greg zeichnet Strichmännchen und schreibt dazu ein paar Zeilen über sein Leben. Das war‘s.

Kind 1 tat Folgendes mit seinem Buch: Es las. Es freute sich über jede einzelne Seite und bat mich, mehr von diesen Geschichten zu besorgen. Es las das zweite Buch, es las das dritte Buch, wurde allmählich wieder zehn und liest immer noch.

Nett von Greg, dass er Kind 1 von seiner Buch-Allergie geheilt hat. Ich mag ihn trotzdem nicht, den Greg. Er ist ein ungezogener Rotzlöffel mit Tendenz zum Trottel und findet den einzigen Kumpel, den er hat, blöd. Greg ist die Dattelmaschine der modernen Kinderliteratur.

Das Kind aber hält Greg oder besser den Erfinder von Greg für den größten Bücherschreiber, seit es Papier gibt. Der Junge bastelte sich aus weißen Blättern ein eigenes Tagebuch. Erstes Kapitel: „Ich habe ein Recht auf meine Ferien. Hatte keine Ferien, weil ich krank war. Das ist nicht meine Schuld. Werde sie nachholen, und zwar jetzt und sofort.“

Ich glaube, er geht mal zur Gewerkschaft.

Weitere Blog-Einträge


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN