Wenn ich aus meinem Homeoffice-Fenster schaue, kann ich meiner Nachbarin beim Bügeln zusehen. Ich sehe sogar ihr Gesicht. Diese Konzentration, diese Lässigkeit, mit der sie ihr Bügelgerät übers Brett schiebt. Das macht mir sofort schlechte Laune.

Es ist sehr viel Staub vom Himmel gefallen, seit ich das letzte Mal gebügelt habe. Ich kann auch gar nicht bügeln, weil mein Bügelbrett vollgestellt ist mit Sachen, die keinen festen Wohnsitz haben. Ein kaputter Fernsteuer-Hubschrauber, ein Sachkundevortrag über die Elbe, ein paar Sportschuhe. Ich müsste erst das Bügelbrett leerräumen, um bügeln zu können. Und dazu fehlt mir die Lust.

Meine Corona-Krise ist noch schlimmer, als sie aussieht. Frau W. hat eine E-Mail für mich aufgesetzt und durchs Internet zu mir reisen lassen. Sie schreibt, sie ist eine altgediente Mutter. Weil ich niemals gedient habe, muss ich an dieser Stelle meinen im Stuhl zusammengerutschten Körper richten und die Hacken aneinanderschlagen. Frau W. findet es nicht gut, dass sich meine Kinder für jedes Getränk neue Tassen nehmen. Finde ich auch nicht gut. Aber Frau W. macht sich große Sorgen und schrieb mir extra einen Brief, nachdem sie davon gelesen hatte in meiner Kolumne. Sie denkt nämlich weiter. Wenn ich die großen Fragen der Kindererziehung weiterhin verbocke, muss später das jemand anderes ausbrocken. Ihr künftiger Vorgesetzter müsste meine Kinder dann umerziehen. Nicht auszudenken, wenn sie an ihrem Schreibtisch sitzen und nach acht Stunden Dienst-nach-Vorschrift ein Blümchen aus benutzten Tassen um ihre Tastatur bauen können.

Wo wir schon mal dabei sind, uns miteinander zu vergleichen. Hier die Top drei, die mich an meinen Mitmenschen stören, und an welchen Stellen ich sie umerziehen würde, wäre ich ihr Vorgesetzter: Wenn sie vor Kindergärten und Schulen rasen. Wenn sie eingeschweißtes Fleisch kaufen, das direkt aus der Mastanlage kommt. Wenn sie anderen Menschen vorschreiben, wie sie zu leben haben.

Kind 1 braucht gerade noch mehr Becher. Es schaufelt Erde hinein und vergräbt in der Mitte eine Bohne. Wir ziehen jetzt zusammen Pflanzen groß. Eine Alternative zur Menschenerziehung.

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