Eigentlich brauche ich keinen Erziehungsratgeber. Schließlich bin ich ja schon gut erzogen. Fragen Sie nur mal meinen Kleinen (15 Monate): Quiekt er nachts, fange ich sofort an zu stillen. Schiebt er das Essen weg, nehme ich es vom Tisch – bevor mir der Teller um die Ohren fliegt. Andere kaufen Handbücher, wir hören auf unseren Sohn. Das ist billiger.

Auch unsere Große (vier Jahre) weiß bereits, wie moderne Kinder ihre Eltern erziehen: Mit Konsequenz ("Wenn ich jetzt kein Bonbon kriege, dann schreie ich."), klarer Kommunikation ("Neeeiiinnn!!!!") und Lob ("Ich bin ganz stolz auf dich, Mama. Weil du so gut auf mich gehört hast.") Mein Mann ist halbwegs erzogen, und was jetzt noch im Argen liegt, wird das Buch "Männer brauchen Grenzen: ein Erziehungsratgeber" auch nicht mehr richten.

Warum ich trotzdem am Computer nach Erziehungshandbüchern suche? Nun ja, hin und wieder entdecke ich bei unseren Kindern doch noch Optimierungspotenzial. Und ich nehme auch gern einen guten Rat an. Doch schnell stelle ich fest, dass die vielen Ratgeber-Bücher einander ständig widersprechen: Wir sollen unsere Kinder endlich wieder erziehen, fordern die einen. Wir sollen unsere Kinder auf keinen Fall erziehen, meinen die anderen. Manche scheinen für jede komplexe Situation eine einfache Lösung zu wissen – und wer sich nicht dran hält, schadet seinem Kind.

Hochdramatisch wird dann das "Ende der Kindheit" heraufbeschworen. Andere eröffnen den Wettbewerb um das "glücklichste Kleinkind der Welt". Danke, mir reicht's, die glücklichste Mama der Welt zu sein. Denn eins weiß ich sicher: Verunsicherung und Druck sind keine guten Ratgeber.

Da lese ich doch lieber einen Klassiker. Keine Angst, ich meine nicht das Alte Testament ("Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn."). Ich denke eher an Michel aus Lönneberga. Zur Strafe für seine Streiche sperrt ihn der Vater in den Tischlerschuppen – und fördert so seine Kreativität beim Männchenschnitzen. Keine schlechte Idee.

Schließlich habe ich aber doch noch einen passenden Ratgeber gefunden: Den "Leitfaden für faule Eltern" von Tom Hodgkinson. Über die Beziehung von Eltern zu ihren Kindern schreibt er: "Eine gewisse Dankbarkeit dafür, dass sie in unser Leben getreten sind, könnte ein guter Anfang sein." Schöner kann man es kaum sagen, finde ich. Und für einen solchen Ratschlag bin ich auch wirklich dankbar.