Die deutsche Sprache ist dem Untergang geweiht, und in einer gar nicht mal so weit entfernt liegenden Zukunft wird es sie entweder gar nicht mehr geben, oder, was noch schlimmer ist, der Wortschatz wird auf ein höchstens als rudimentär zu bezeichnendes Maß reduziert worden sein. Verantwortlich dafür ist die englische Sprache, die sich mit einer nicht nachlassenden Intensität in die deutsche hinein- und sie am Ende dann verdrängen wird. Und den Rest, den die immer weiter steigende Anzahl an Anglizismen nicht schafft, erledigen dann die Abkürzungen, die sich mit einer nicht weniger großen Beharrlichkeit breit machen und sogar, was einem Sakrileg gleichkommt, den Duden für sich erobern und sich so eine Existenzberechtigung erschleichen. Dieses Szenario ist eines, das Leser mir (offenbar mit wachsender Begeisterung) genau so oder in einer leicht veränderten Variante, vor Augen halten, wenn sie mich angerufen haben, um sich genau darüber zu beschweren, dass meine Kollegen mal wieder nichts unversucht (doppelte Negation, ich weiß, von Kommentaren bitte ich abzusehen) haben lassen, damit diese Entwicklung in großen Schritten seinem Endziel entgegen kann. Natürlich kann ich das alles belegen, zwei Beispiele als Belege für diese negativen Entwicklungen der deutschen Sprache mögen ausreichen.

Vier Leser sind bei mir vorstellig geworden, nachdem sie in der vergangenen Woche die Überschrift "Kitas sollen in Sachsen Ende Mai wieder öffnen" auf der Titelseite der "Freien Presse" gelesen hatten. Eine darf stellvertretend für die anderen hier zu Worte kommen: "Eine Verniedlichung des Begriffs Kindertagesstätte zu Kita (für besonders redefaule Menschen) entspricht wohl mehr einer Kinderverwahranstalt. Lasst uns bitte auch künftig die Worte Kindergarten, Kinderkrippe und Schulhort benutzen. Sie drücken doch aus, wer und was gemeint sind", teilte er mir ebenso mit wie dies: "Mir scheint, dass all die Menschen in den Redaktionen, die so leichtfertig die Worterfindung Kita verwenden, dabei sind, eine historische Errungenschaft deutscher Pädagogik vergessen zu machen." 

Von die drei Anrufern, die mit mir darüber reden wollten, nachdem sie den Artikel "Sachsens Wirtschaft fordert Corona-Exit" vor einer Woche gelesen hatten (übrigens hat sich tatsächlich noch niemand jemand über das englische Wort "exit" beschwert), haben sich zwei nur darüber beklagt, dass man hier keine deutsche Bezeichnung verwendet hatte, während die dritte Leserin diesen Fachbegriff gar nicht kannte und von mir eine Erklärung wollte, die sie auch bekam, weil ich innerhalb weniger Sekunden die Suchmaschine aktivieren und mir dort eine Erläuterung durchlesen konnte. Alle drei hatte ein Problem mit diesem Satz: "In Stufe 1 sollte demnach ab dem 4. Mai unter Auflagen die Übernachtung in Ferienwohnungen und allen Formen des Beherbergungsgewerbes, die keine Sharing Economy, Gemeinschaftsräume oder -bäder, Saunen oder Wellnessbereiche haben, wieder gestattet sein." Wikipedia hatte mir diese Definition geliefert: "Der Begriff Sharing Economy (...)  ist ein Sammelbegriff für Firmen, Geschäftsmodelle, Plattformen, Online- und Offline-Communitys und Praktiken, die eine geteilte Nutzung von ganz oder teilweise ungenutzten Ressourcen ermöglichen." Die Frau war mit der Antwort zufrieden, während ich den beiden anderen Lesern nicht helfen konnte, weil mir beim besten Willen keine deutsches Synonym für Sharing Economy einfallen wollte, weshalb ich sie mit ihrem Ärger allein lassen musste. An dieser Stelle ist mir dann wieder einmal bewusst geworden, warum ich nach zehn Jahren immer noch Blogeinträge schreibe. Also gestehe ich erneut: "Trouble Sharing" ist eine wunderbare Erfindung. Und dafür gibt es tatsächlich im Deutschen eine Alternative: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Vielen herzlich Dank übrigens dafür.

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