Manche Gespräche mit Lesern am Telefon lassen mich mit einem Gefühl zurück, mit dem ich nur schwer umgehen kann, weil ich ihm so gut wie gar nichts entgegen setzen kann, nicht einmal dunkle Schokolade, um es besser verdauen zu können. Mit nagender Ohnmacht könnte man es umschreiben, vielleicht auch belastender Resignation, aber auf jeden Fall frage ich mich hinterher immer, wie es sein kann, dass ich an solche Unterhaltungen nicht wie bei vielen anderen einfach einen Haken dran machen und zur Tagesordnung übergehen kann; ehrlich gesagt weiß ich wirklich nicht, woran das liegt. Das Gespräch von heute ist ein gutes Beispiel dafür, vielleicht macht es deutlich, worum es mir geht, wenn ich mein Leid klagen darf.

"Ich habe diese Meldung über die angebliche Schlägerei in der Zeitung gelesen, und dass die Polizei jetzt Zeugen sucht", sagte die Frau in der Leitung und fragte mich: "Darüber würde ich gern mal mit Ihnen reden, geht das?" Da ich mir sicher war, dass es sich um eine Nachricht in einer der Lokalausgaben der "Freien Presse" handelt, wollte ich die Anruferin an die dafür zuständigen Kollegen in Lokalredaktion verweisen, doch darauf ließ sie sich nicht ein und meinte: "Nein, mir geht es um ein grundsätzliches Thema, da bin ich schon richtig bei Ihnen." Also durfte sie mir ihr Problem schildern:

"Wenn ich etwas gesehen habe, zur Polizei gehe, eine Aussage mache und dann wegen meiner Angaben einer der mutmaßlichen Verursacher der Schlägerei gefasst wird, dann muss ich doch in Kauf nehmen, dass er zwar von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft vernommen wird, aber anschließend als freier Mensch wieder nach Hause gehen kann, um sich dann in Ruhe zu überlegen, wie er es dem Zeugen, nämlich mich, heimzahlen kann, dass ich ihn angeschwärzt habe", meinte die Frau in der Leitung und fasst ihren Unmut so zusammen: "Und am Ende muss ich befürchten, dass er mir im Dunklen auflauert auch noch einen über die Rübe haut." Damit war das Thema klar umrissen: Der Staat tut zu wenig, um Zeugen vor der Rache von bösen Buben zu schützen, weshalb dringend etwas geändert werden muss, damit rechtschaffende Mitglieder der Gesellschaft ruhigen Gewissens und ohne Angst vor möglichen Folgen mit dem Finger auf einen Menschen zeigen und ihn einer Straftat verdächtigen dürfen. 

Also wollte ich von der Anruferin wissen: "Und was schlagen Sie vor, das geändert werden muss? Vielleicht auch schon die Verdächtigen verhaften und einsperren, bevor die Vorwürfe gegen sie überprüft werden konnten? Und dann auch noch so lange in Gewahrsam halten, bis der Prozess stattgefunden hat, der möglicherweise mit einem Freispruch für sie endet?" Das ging dann selbst der Leserin zu weit, denn sie sagte: "Nein, das nicht, aber irgendwas muss passieren, sonst wird es immer weniger Menschen geben, sie sich als Zeugen melden. Glauben Sie mir, in diesen Zeiten wird die Angst immer größer, dass einem selbst als Folge davon etwas angetan werden könnte." Bis zu diesem Zeitpunkt war diese Unterhaltung eigentlich noch ein normale für mich, denn ich bin es gewohnt, dass viele Leute ein Problem für sich ausgemacht haben, aber von dem Gedanken einer konstruktiven Lösung dafür weit entfernt sind. Dann viel am Ende der Satz, der mich ebenso sprachlos machte, wie er mich ratlos zurückließ, denn die Frau sagte: "Denn sonst darf man sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen die AfD wählen."

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