Handy-Sehnsucht

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Eine dieser warmen Nächte. Kind 1 fand keinen Schlaf. Nicht, als ich dem Jungen noch einen Kakao kochte. Nicht, als ich mich zu ihm legte. Auch nicht, als sich der Zwergdackel in sein Bett kringelte. Da setzten wir uns auf die Terrasse, Kind 1 und ich, pressten uns zusammen in einen Liegestuhl und führten vernünftige Gespräche.

Kind 1: „Alle haben ein Handy, nur ich nicht.“

Der Junge hat eine Reihe unerfüllter Wünsche, die immer wieder aufploppen. Die Sache mit dem Smartphone steht weit oben auf seiner Liste der unerreichbaren Dinge. An diesem Abend hielt ich ihm einen Vortrag über den Teufel, der in diesen kleinen Geräten steckt. Ich sprach nicht vom Teufel. Immerhin hatte der Junge auch ohne Teufel Einschlafsorgen. „Wenn ich dir ein Handy schenke, dann ist das so, als würde ich dir Drogen geben“, sagte ich. Kind 1 hörte neulich einen Vortrag in der Schule, in dem es um Sucht ging und solche Sachen. Seitdem findet er Drogen blöd und schwört, er würde niemals welche nehmen. Auch mir hat er Drogen verboten. Und falls ihm jemand zwischen die Finger kommt, der welche vertickt, wird er diesen Jemand betäuben, fesseln und zur nächsten Polizeidienststelle bringen.

Da kam mir dieser Psychiater in den Sinn. Ich denke bei Kindern, die am Smartphone daddeln, immer an diesen Psychiater, der keinen Platz mehr hat in seiner Psychiatrie. Vor einer Weile traf ich ihn für eine Recherche. Wir unterhielten uns darüber, dass er dringend anbauen muss. Er schimpfte über Mobiltelefone. Die seien prinzipiell ganz praktisch, aber im Übermaß eine Katastrophe für das neuronale System. Zumindest spüle ihm die allgemeine Smartphone-Epidemie neue Patienten vor die Tür. Er habe nun die ersten Handy- und Internetsüchtigen zu therapieren. Junge Menschen, die bei Entzug dieselben Symptome zeigten wie Alkoholiker. Das Gebiet sei unerforscht.

Ich saß also mit Kind 1 im Liegestuhl. Wir schauten in den Himmel, der immer müder wurde. Die ersten Sterne zeigten sich. Aus meinem Mund blubberte ein Vortrag über das Suchtpotenzial von Handys und darüber, dass diese Dinger unsere Augen ruinieren. Kind 1 brummte hier und da ein „Hmm“. Dann schlief es ein. Am nächsten Morgen gingen wir zum Zeitungskiosk. „Hier kann man acht Millionen gewinnen, lass uns Lotto spielen, 6 aus 49“, sagte der Junge. Er setzte sechs Kreuze auf sechs verschiedene Lotto-Felder, faltete den Zettel und steckte ihn ein. Wenn er gewinnt, will er sich ein Handy kaufen.

Weitere Blog-Einträge