Hausaufgaben gehen bei mir fast immer mit allergischen Reaktionen einher. Das ist meine einzige Allergie, aber sie beeinträchtigt meine Lebensqualität. Manchmal würde ich sie gerne tauschen, meinetwegen gegen eine nette kleine Bierallergie. Die führt zu Juckreiz im Mund, sobald man den ersten Schluck getrunken hat. Da mir Bier nicht schmeckt, käme ich damit klar. Aber leider reagiert mein Körper auf Hausaufgaben. Das Tragische ist, dass es nicht meine sind, sondern die von Kind 1.

Gerade eben das Hausaufgabenheft des Jungen aufgeschlagen. Dienstag-Spalte, Zeile zwei: „mateb 5312“. Meinem Hals entspringen rote Flecken. Flächendeckendes Kribbeln. Ich müsste jetzt in eine Tüte atmen, damit ich nicht vom Stuhl kippe. Weil ich keine Tüte griffbereit habe, atme ich in die flache Hand. Hilft auch. Ich erkundige mich, was mateb 5312 bedeutet, und erfahre, das stehe für Mathebuch Seite dreiundfünfzig Nummer eins und zwei. Kind 1 lächelt und fragt, ob es jetzt bitte zwei bis drei Kinderriegel essen dürfe. Es sei nämlich hungrig. Das Mittagessen im Hort habe ekelhaft geschmeckt, und Kind 1 habe deshalb alles entsorgt, als die Erzieherin auf Toilette war. Die Hausaufgaben habe es übrigens schon erledigt.

Nächste Allergiewelle. Mundtrockenheit. Ausgelöst durch die Tatsache, dass der Junge Mathe klein und ohne „h“ geschrieben hat. Das sei seine persönliche Abkürzung, erklärt er. In der Mathematik dürfe man schreiben, wie man möchte, sagt das Kind, das quasi Großmeister der Abkürzungen und weggelassenen i-Tüpfelchen ist. Gäbe es dafür Gürtel wie beim Judo, hätte der Junge den schwarzen mit Goldrand.

Es folgt ein kleiner Vortrag meinerseits über den Sinn von Rechtschreiberegeln und ihre Anwendungspflicht über den Deutschunterricht hinaus. Ich muss etwas lauter sprechen, weil mein Sohn den Raum verlassen hat. Dann ziehe ich das Matheheft aus dem Ranzen. Stelle fest, dass die Zahlen über die Kästchen tanzen und nur für Eingeweihte und Graphologen mit langjähriger Berufserfahrung lesbar sind. Wenigstens bin ich eingeweiht und identifiziere das Ergebnis als richtig. „Schreib das noch mal ab“, rufe ich. Keine Reaktion. Kind 1 hat sich eine Tarnkappe übergestülpt und ist unsichtbar. Im Hausaufgabenheft stolpere ich über „dspb 37“. Muss kurz aufstehen, etwas Wasser trinken. Ich falte einen Zettel auseinander, der aus dem Heft gefallen ist.

Ein Zettel mit Herz. In feiner Handschrift steht „Mama“ darüber.

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