Mit dem Spracherwerb ist es so eine Sache. Früher konnte man in jedem Tante-Emma-Laden Sprache kaufen, heute bestellt man sie im Internet. Oder man wartet, bis sie von selbst kommt. So macht es unser Kleiner. Lange Zeit hatte er es gar nicht nötig, zu sprechen. Ein paar wohlplatzierte Gesten, schon bekam er alles, was er brauchte. Der Junge hat eine Art, auf seinen Teller zu zeigen, die man nur gebieterisch nennen kann. Nicht nur, dass man ihm augenblicklich gibt, was er will. Man ist auch überzeugt, dass er das Recht hat, es zu verlangen.

Jetzt allerdings geht er stark auf die zwei zu und hat sich überlegt, vielleicht doch sprechen zu lernen. Wahrscheinlich hält er die Begriffsstutzigkeit der Erwachsenen nicht mehr aus. Hundertmal muss man ihnen erklären, dass man den Flummi sucht, und sie zeigen trotzdem immer nur auf die Omi.

Die wichtigsten Wörter kennt er ja schon länger (Mama, Papa, Name der großen Schwester, Eis). Dann kamen Tiere dazu. Warum er allerdings das Huhn „Papa“ nennt, ist noch nicht abschließend geklärt. Jetzt steht die U-Untersuchung bei der Kinderärztin an. Da bekommt man eine Liste mit Wörtern und soll ankreuzen, welche das Kind schon benutzt. Ich fürchte, Storch, Frosch, Uh-ah-Ape (=Affe) und Reiher werden nicht auf der Liste stehen. Das sind aber die Tiere, die der Kleine schon benennen kann. Der Sohn meiner Cousine erzählte in dem Alter dauernd von der Rohrdommel. Vielleicht wird er mal ein berühmter Ornithologe.

Eigentlich will ich ja gar nicht, dass meine Kinder richtig sprechen lernen. Ihre eigenen Wortschöpfungen sind doch viel kreativer. Wie schön war es noch, als die Große bei jedem „Tongemischer“ auf der Baustelle vor Begeisterung ausflippte. Oder mit ihrem Freund „ganz viele Quätsche“ machte. Oder zum Mittagessen Tortolinien wollte. Nicht zu vergessen der Tag, an dem sie verzweifelt ihre frisch gepflückten Löwenzähne suchte.

Heute stellt sie nur noch knifflige Fragen. Warum das Flugzeug nicht Fliegzeug heißt. Ob ihr Cousin mein Nicht ist (Schließlich ist seine Schwester die Nichte). Ob Gott die Wörter gemacht hat. Ein Kind, das solche Fragen stellt, müsste doch auch in der Lage sein, seine Schuhe alleine anzuziehen. Stattdessen kräht sie „Helf mir mal!“ Auf mein reflexartiges „Das heißt ,Hilf mir mal bitte!‘“ bekomme ich zur Antwort: „Aber ,hilfen‘ gibt’s doch gar nicht!“ Was soll ich dazu sagen? Mir fällt nichts ein. Vielleicht hätte ich mehr Sprache erwerben sollen.

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