Der Mann in der Leitung war offenbar ziemlich aufgeregt, denn er nannte mir seinen Namen und sprach mich dann mit seinem eigenen an, bemerkte seinen Fehler aber sofort, korrigierte sich und sprach meinen Nachnamen so aus, als würde er ihn rufen wollen, während er auf der Flucht sei, doch dann durfte ich ihn beruhigen und er konnte mir sein Anliegen nennen; weniger in ganzen Sätzen sprechend, als mit Fragmenten davon formulierend. "Die Kolumne, ich habe sie gelesen, und dann hatte ich eine Eingebung", sagte der Leser, womit mir klar war, denn darum ging es schließlich in "Paulchen weiß es" auf der aktuellen Seite "Leserforum", dass ich einen Anrufer in der Leitung hatte, der zu einer der beiden Fraktionen gehörte: Ständige Sommerzeit oder dauerhafte Normalzeit nach der Abschaffung der Zeitumstellung. Aber weit gefehlt, der Mann gehörte nicht zu denen, die dieses Thema mit ebenso viel Herzblut wie emotionalem Engagement angehen. Denn er meinte: "Ist doch ganz einfach, verschieben wir die Zeit doch einfach auf Dauer nur um eine halbe Stunde, dann so käme man doch beiden Seiten entgegen", und er fügte noch hinzu: "Ich wundere mich nur, dass noch niemand auf diese Idee gekommen ist."

Ich hatte diese fundamentale Erkenntnis noch nicht einmal richtig eingeordnet in meinen Kategorien für die Gespräche mit Lesern zwischen zehn und zwölf, da durfte ich schon die nächste in Empfang nehmen. "Ich habe mir mal ein paar grundsätzliche Gedanken zu der Eisenbahn in Deutschland und ihrem Verhältnis zu Chemnitz gemacht,", meinte der Leser und erklärte mir, dass ihn der Artikel "Bahn nach Leipzig: Alte Wagen bleiben" heute auf der Titelseite der "Freien Presse" dazu veranlasst hatte, sich mit diesem Thema in eine Klausur "gleich nach dem Frühstück" zu gehen. Da ich selbst zu den Zeitgenossen gehöre, die ständig mit dem Zug auf Reisen gehen und deshalb wissen, wie umständlich es ist, von Chemnitz aus eine Anbindung an den Fernverkehr zu finden, hat mich dann die Überlegung des Anrufers regelrecht umgehauen. Denn dies war ihm aufgefallen: "Wenn jeder zweite oder meinetwegen auch nur dritte ICE, der von Leipzig nach Dresden fährt, von Riesa aus nach Chemnitz fährt, wäre das ganze Problem doch mit einem Schlag gelöst, denn die Strecke ist zweigleisig und elektrifiziert." Weil ich schwieg angesichts dieser fulminanten Erkenntnis, fügte der Mann in der Leitung noch hinzu: "Geben Sie das einfach mal weiter, vermutlich ist das noch niemanden aufgefallen, dass es diese Varianten gibt."

Was ich jetzt gleich schreiben werde, ist die Wahrheit, auch wenn sie in diesem Fall nur schwer zu glauben ist. Zu den insgesamt acht Lesern, die heute mit mir über meine Kolumne geredet haben, gehörte auch eine Frau, von der ich erfuhr, dass sie noch nie in ihrem Leben einen meiner Blogeinträge gelesen und demzufolge auch noch nie von dem AMZH-Syndrom gehört hat, und die mir diese Frage stellte: "Kann es sein, dass vor allem älter Männer bei Ihnen anrufen, die ansonsten den ganzen Tag nur zu Hause rumsitzen und nichts mit sich anzufangen wissen?" Zum besseren Einordnung möchte ich noch aus meiner Kolumne den Satz zitieren, der die Leserin dazu veranlasst hatte, dies von mir wissen zu wollen: " Halt, diese Einleitung kann ich nicht nehmen, die hat schon mal jemand benutzt, und weil seine Anhänger noch viele sind, denn sie schreiben mir oft oder rufen mich an, darf ich nicht mal den Hauch eines Verdachts aufkommen lassen, ich würde mich über den wohl berühmtesten Bartträger der Philosophie- und Ökonomiegeschichte lustig machen wollen."

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