Als Kind wollte ich, so etwa bis zum Wechsel in die dritte Grundschulklasse, später unbedingt Indianer werden. Es gibt, bei mir unter Verschluss, drei Fotos von mir in einem entsprechenden Kostüm zur Karnevalszeit, und weil ich damals noch Haare hatte, ich meine wirklich viele, sehe ich auf diesen Bildern durchaus verwegen aus, wobei ich tatsächlich im Widerspruch zu meiner späteren und heutigen pazifistischen Weltanschauung zwei Mal sogar eine Waffe in der Hand halte; einmal mit Feuerkraft, das andere Mal mit einem Pfeil. Seit heute um 11.03 Uhr weiß ich nun, dass ich damals schon einen wichtigen Punkt ignoriert habe, so dass niemals aus mir ein Indianer hätte werden können. Passiert ist dies:

"Ich kann es immer noch nicht fassen, dass sie das in die Zeitung gesetzt haben", meinte die Leserin und brachte mit dieser Formulierung sofort eine Saite in mir zum Schwingen, die seit ungefähr einer Woche höchst sensibel ist, weil die Zahl der evangelischen Christen, die mich persönlich und besonders meine Kollegen, die über den zurückgetretenen Landesbischof geschrieben und diesen Vorgang kommentiert haben, buchstäblich und heute auch tatsächlich in die Hölle gewünscht haben, (aus meiner Perspektive) spürbar zugenommen hat. Doch ich hatte mich geirrt, die Saite verfiel sofort wieder in Ruhestellung, nachdem mir die Frau in der Leitung die Überschrift des Artikels nannte, der ihr Gemüt derart in Wallung gebracht hatte: "Pflanzliche Milch ist keine Alternative" gestern auf der Seite "Rat & Leben". Der Grund für Ärger war dieser: "Das kann man nur so lesen, dass Eltern nach Möglichkeit ihren Kindern auf jeden Fall besser Kuhmilch zum Trinken geben sollen." Dieser Interpretation der nur wenige Zeilen langen Meldung habe ich nicht widersprochen. Dann kam die Erklärung:

"Bitte drucken sie doch nicht so einen Müll, dass Kinder unbedingt die Milch von Kühen trinken sollen, das ist doch aber so was von überholt und nicht mehr zeitgemäß", sagte sie und fügte hinzu: "Das nenne ich eine handfest Verdummung der Leser Ihrer Zeitung." Nun habe ich es mir schon lange zur Gewohnheit gemacht, über ideologisch geprägte Verhaltensweisen, zu denen ich auch Essgewohnheiten zähle, bei denen es nicht um die Gesundheit, sondern allein um Glaubensfragen geht, mit Leuten am Telefon nicht zu diskutieren, weil das für gewöhnlich immer vergebliche Liebesmüh ist. Was mich dann aber doch zum Nachdenken gebracht hat, womit sich der Kreis mit dem Anfang dieses Blogeintrags schließt, war dieser Hinweis: "Asiaten und Indianer beispielswiese haben eine angeboren Laktoseintoleranz und kommen ganz gut ohne Kuhmilch aus, und niemand würde auf die Idee kommen, sie eines Besseren belehren zu wollen." Mein erster Gedanke: Ohne Kakao hätte ich mir meine Kindheit niemals vorstellen können; heiß und süß und am liebsten in einer großen Tasse, dafür hätte ich auf jeden Fall auch darauf verzichtet, ein Indianer werden zu wollen; geworden wäre ich ohnehin nie einer, eine Rothaut ohne Haare geht doch gar nicht.

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