Hühner-Studien

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Von meinem Essplatz aus kann ich die Hühner beobachten, die in unserem Garten wohnen. Alexa, Siri, Jaqueline, Sylvia, Kapitän Blaubär und so weiter. Man kann jetzt über Hühnernamen philosophieren und über Stammplätze an Esstischen.

Wenn ich Gast in anderen Familien bin, ziehe ich mir vorsichtig einen Stuhl zurecht und schaue, wer mich beobachtet. Meistens ist das der Stammplatz von demjenigen, der mich im Blick hat. Dann frage ich, ob es okay wäre, wenn ich ihn benutze. Man sieht, wer lieber selbst dort sitzen würde, einfach aus Gewohnheit. Auch ich habe zu Hause meinen heiligen Stuhl am Esstisch, genau wie Kind 1, Kind 2 und mein Mann. Wir sitzen bei jeder Mahlzeit am selben Fleck, und das schon immer. Mein Stuhl steht so, dass ich den Hühnergarten draußen sehe. Das ist wie ein Aquarium, nur mit Hennen und Hähnen.

Die Hühner wohnen seit ein paar Jahren in unserem Garten und sind seitdem Studienobjekte von Kind 1. Der Junge macht dort weiter, wo Charles Darwin aufgehört hat, um seinen Geist anderen Spezies zu widmen. Darwin erforschte die Abstammung des Haushuhns. Kind 1 erforscht, wie Hühner so drauf sind.

Es vertritt drei Thesen: Erstens, dass seine Hühner einen besseren Orientierungssinn haben als seine Mutter. Zweitens, dass manche Hennen viel zu egozentrisch sind, um Kinder zu bekommen. Und drittens, dass Hühner genauso Marotten und Stammplätze haben wie Menschen. Alexa und Siri schlafen nachts immer am selben Platz auf der Stange.

Kind 1 hält seine Hühner gut. Sie fressen Bio, haben einen kleinen Komposthaufen für ihre Hobbys (picken und scharren) und einen zwei Meter hohen Zaun, der sie vor dem Fuchs schützt. Der Zaun hat den Nachteil, dass er die Freiheit der Hühner eingrenzt.

Während ich auf meinem Stammplatz sitze, werde ich seit einigen Wochen immer wieder Zeuge davon, wie Jaqueline rüber macht auf die andere Seite des Zaunes. Sie holt Anlauf, beginnt zu flattern, hebt ab und zieht sich mit dem Schnabel die letzten Zentimeter am Metallzaun nach oben. Bis sie sitzt. Während sie oben wartet, scharen sich ihre Mitbewohner in Grüppchen um Jaquelines Startbahn. Alexa und Kapitän Blaubär holen nacheinander Anlauf und flattern Richtung Jaqueline. Sie schaffen es nicht, weil sie nicht sportlich genug sind. Jeden Tag sind sie gleich schlecht. Jaqueline wendet ihnen ihren braun befederten Bürzel zu und flattert dahin, wo das Gras grüner ist.

Ich habe alles gefilmt und Kind 1 gezeigt, für seine Studien. Der Junge spulte vor und zurück. Dann sagte er: „Die wollen etwas von der Welt sehen. Genau wie ihr früher in eurer DDR.“ Ich erklärte, das sei nicht meine DDR gewesen, und außerdem könne man Politik nicht mit Hühner-Mutproben vergleichen. Seitdem denke ich darüber nach. Und mein Sohn macht seitdem das Tor auf, wenn er von der Schule nach Hause kommt.

Weitere Blog-Einträge