Hühnerkunde

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Der Corona-Lockdown ist nicht ausschließlich blöd. Immerhin kommt Kind 1 in den Genuss, morgens im Schlafanzug in sein privates Hühnerviertel umzuziehen und dort den Tag zu verbringen. In die Schule darf der Junge schon lange nicht mehr gehen. Deshalb baut er sich seinen Tag selbst zusammen.

Nach den vielen Wochen, in denen er sich nun selbst unterrichtet, ist er so weit für sein erstes eigenes Fach. Es heißt Hühnerkunde, und es umfasst neben der Artenvielfalt auch das Sozialverhalten des Haushuhns. Kind 1 mag Hühner, das hatte ich an dieser Stelle schon erwähnt. Ich hatte auch schon geschrieben, dass der Junge kostenlos unseren Vorgarten gepachtet und mit Hühnern ausgestattet hat. Neu ist das vollautomatische Eingangstor. Es öffnet 8.15 Uhr. Dann dürfen sie nach draußen, die Hühner.

Zu Studienzwecken stellt sich Kind 1 vor den Stall und wartet, welcher Vogel zuerst das Haus verlässt. Es ist immer der Hahn namens Zeus. Er wartet, bis das Tor hochschnurrt, springt ins Freie und schreitet mit erhobenem Kopf das Grundstück ab. Seine Mitbewohnerinnen, alles Frauen, kommen etwas später ins Bild und laufen auseinander wie frisch gestritten. Kind 1 macht sich Notizen. Dann unterbricht der Junge seine Studien, geht ins Wohnzimmer und wählt sich in die Mathekonferenz ein. Er setzt sich mit dem Laptop ans Fenster, weil er von hier aus Blickkontakt zu seiner Hühnergruppe halten kann. Das ist für vollständige Studien zwingend. Kind 1 muss die Herausforderung meistern, den Dreisatz zu begreifen und gleichzeitig das Rätsel des Huhns zu entschlüsseln. Kind 1 ist dran. Ganz dicht. An beidem.

Etwas später räumt es die Mathebücher weg und widmet sich nun der Hühnerbiologie. Bekannt ist bisher, dass Hennen fast täglich einen Eisprung haben. In dem Moment, bevor es soweit ist, sind sie dermaßen extrovertiert, dass sie lautstark gackern. Sie rennen rein in den Stall, raus aus dem Stall und wieder rein. Erst dann setzen sie sich ins Nest und legen es ab, das Ei.

Kind 1 möchte gerne Details zu ihren Eiern wissen. Es möchte sehen, ob es einen Weg gibt, ihre Schale zu manipulieren. Es möchte versuchen, die Eierschale schon in der Henne zu färben. Zu diesem Zwecke beträufelt der Junge Futterkörner mit blauer Lebensmittelfarbe und kippt sie in den Futterautomaten. Die Hühner stören sich nicht daran und picken stur ins Blaue. Um eine Expertise vorlegen zu können, braucht der Hühnerkundler Zeit. Der Versuch wird fortgesetzt.

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