Heute Morgen habe ich aus Versehen meine Tochter beleidigt. "Was ist mit diesem Schulcrosslauf, machst du mit?", habe ich gefragt. Entsetzen kroch über das hübsche Gesicht meiner Tochter. Dann sagte sie, dass sie für solche anstrengenden Freizeitbeschäftigungen nicht genügend Puste habe. "Wir mussten gestern zwei Runden um den Sportplatz rennen. Ich war Letzte", erklärte das frisch eingeschulte Kind 2. Und ich habe blöde gekichert. Ist aus mir so rausgerutscht.

Kind 2 schob seinen Frühstücksteller beiseite, legte die Arme auf dem Tisch ab und vergrub den Kopf dazwischen. Ich wünschte, man könnte mir einen Störsender implantieren, der mich daran hindert, in heiklen Situationen unangemessen zu reagieren. Nun glaubte meine Tochter, ich nehme ihre Probleme nicht ernst. Das stimmt aber nicht. Sie findet Dauerlauf öde, und ich fand ihn schon früher öde. Dass er jetzt Jogging heißt und es schöne bunte Funktionswäsche dafür gibt, macht ihn nicht besser. Trotzdem hatte ich mir eingebildet, dass Kind 2 aufgrund seiner Frischluft-Biografie ein sportlicher Typ ist. Es hüpft und tanzt durch die Gegend, am liebsten den ganzen Tag.
"Komm schon, ich habe das nicht so gemeint", sagte ich.

Schweigen.

Ich entschuldigte mich.

"Du bist gemein!"

Da musste ich in meiner Funktion als Mutter gegensteuern, indem ich Kind 2 von der größten sportlichen Pleite meiner Kindheit erzählte: Mein Bruder bolzte für sein Leben gern, und auch ich hatte eine gewisse Leidenschaft dafür entwickelt. Vor unserem Haus war eine große Wiese, auf der mein Bruder mit seinen Jungs Fußball spielte. Sie ließen mich nur zuschauen, die Jungs. Ich sei zu lahm, fanden sie. Eines Tages machte mir mein Bruder ein Angebot. "Er hat mich als Torpfosten auf die Wiese gestellt", erzählte ich Kind 2. Das Mädchen lachte, war aber noch nicht zufrieden. Es brauchte noch eine kleine Geschichte, um wieder fröhlich zu werden. Ich erzählte von meiner Freundin S., mit der ich mich neulich über Dauerlauf unterhalten hatte. Ihre Tochter wurde ebenfalls frisch eingeschult, aber in einer anderen Stadt. "Sie war auch Letzte im Dauerlauf", sagte ich.

Dann war Kind 2 getröstet, und wir gingen zur Schule. Was ich nicht erzählte, war, dass der Tochter meiner Freundin noch zwei Kinder hinterhergehechelt kamen. Das vorletzte Kind hatte ein frisch geheiltes gebrochenes Bein, das letzte wurde durch sein Gewicht gebremst.

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