Das Coronavirus überfordert mich, nicht als Mensch, da habe ich das Thema für mich voll im Griff, sondern als Leserobmann, denn die Gespräche mit Lesern sind alles andere als einfache. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung, dass ich diesem Thema bald nicht mehr gewachsen sein werde, war die Unterhaltung mit einer Leserin heute um kurz nach elf. "Sie müssen mir jetzt mal helfen", meinte die Frau in der Leitung und brachte ihr Anliegen mit dieser Frage auf den Punkt: "Soll man nun in der Öffentlichkeit einen Mundschutz tragen oder nicht?" In meinem (nicht mehr ganz so) jugendlichen Leichtsinn habe ich zunächst mal dies geantwortet: "Schaden kann es doch auf keinen Fall, oder?" Zunächst musste ich daraufhin die Anruferin beruhigen und ihr mit Nachdruck versichern, dass ich sie auf jeden Fall uneingeschränkt ernst nehme und mich nicht lustig über sie mache, bevor ich dann (mit reichlich Geduld von meiner Seite angesichts ihrer wenig strukturierten Erklärungen als Folge ihrer Aufgeregtheit) von ihr erfahren habe, warum sie so verunsichert ist und Angst hat, einen Fehler zu machen. "Zum einen sehe ich im Fernsehen dauernd Berichte über die von dem Virus befallenden Regionen auf der ganzen Welt, und die gezeigten Menschen tragen fast alle immer einen Mundschutz, also bis ich bis jetzt davon ausgegangen, dass das ein wirksamer Schutz ist", erklärte sie mir und fügte dann hinzu, was sie bei dieser Überzeugung ins Wanken gebracht hat: "Und dann habe ich am Samstag dies Auswertung der Fragestunde mit dem Ärzten in der Zeitung gelesen, und da sagt ein Virologe, ich lese ihnen das mal wörtlich vor: Eine Atemschutzmaske kann sogar Ihr Erkrankungsrisiko erhöhen, wenn sie nämlich nicht dicht abschließt und nicht mit frisch gewaschenen Händen angelegt wurde. Dann haben Viren und Bakterien in dem feucht-warmen Milieu unter der Maske ideale Vermehrungsbedingungen." Den Beitrag hatte ich auch gelesen und konnte mich in diesem Moment daran erinnern, dass ich bei diesem Punkt gedacht habe, dass ich keinen solchen Mundschutz tragen werde, so lange, bis mir jemand sagt, dass das jetzt zwingend erforderlich sei. Das wollte ich der Frau in der Leitung aber so nicht sagen, vielmehr fragte ich: "Und wie kann ich Ihnen jetzt helfen?" Auch an dieser Stelle musste ich ihr erneut versichern, dass ich mich nicht über sie lustig machen möchte, bevor sie mir dann sagte: "Ist doch klar, ich will eine Antwort, ist es nun besser oder nicht, eine solche Atemschutzmaske zu tragen, wenn man draußen rumläuft." Also habe ich, was ich immer tue angesichts solcher kritischen Momente, ihr erklärt, dass ich meine Kollegen in der Redaktion über ihren Anruf informieren werde mit der Bitte, dieses Thema in einem der nächsten Berichte über das Coronavirus und den Schutz davor noch einmal aufzugreifen. "Das reicht mir nicht", sagte die Frau. "Das kann ich jetzt leider nicht ändern", war meine Antwort darauf. "Das können Sie sehr wohl, aber offenbar wollen Sie gerade nicht", erklärte sie mir, und während ich langsam (und leise) bis zehn zählte, hörte ich sie diesen Satz sagen: "Nutzen Sie das Internet, ich habe nämlich keins, ich habe Zeit und kann warten." Wie ich aus der Nummer rausgekommen bin? Das genaue Verfahren muss ich leider für mich behalten, aber eine Minute später stand meine Kollegin an meinem Schreibtisch und sagte mit lauter Stimme: "Der Chef verlangt nach dir."

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